ab-orte

Doch zurück zur Angelogie und zum „Engel der Heimatlosen“ – ein „unscheinbarer Engel“, ein „ramponierter Sohn des Paradieses“, ein „fröhlicher Wander-Engel“ – des Engelkundigen Klaus Mann: „Selbst die Flügel – kurze harte Federn-Gewächse, die ihm ziemlich tief am Rücken saßen – wirkten zerzaust.“ Der Geruch von Benzin, will ich mich erinnern, geht von ihm aus. Oder die Erinnerungen an den „Engel des Sonderbaren“ des sonderbaren Edgar Allan Poe und seiner...

Nur fotografierend bin ich in der Lage, jenen aparten Zustand zu erreichen, den Sartre „präreflexive cogito“ genannt hat. „Ich erkenne mich nicht als zählend.“ Ganz Sehen gibt es den Blick des Anderen nicht mehr. Nur manchmal als Geräusch, Stimmen, brechendes Glas: die akustische Anwesenheit. Wie der leise tönende Wimpernschlag des ganz Anderen. Aber die Akustik ist schon voyeuristisch – lieber sich begnügen und Zigaretten zählen: „Es sind zwölf.“

Über meinem Schreibtisch hängt ein Zettel mit Wörtern, die ich bislang selten und wenn, dann nur mit viel Bauchweh verwendet habe. Zumeist zitiert. Oder: wie zitiert. Fortan, nehme ich mir vor, werde ich sie überhaupt nicht mehr verwenden. Nicht einmal im Geheimen, nicht einmal im Gedanken. Die Liste wird jeden Tag länger und erstrebt die Allumfassung: die alleinige Glaubwürdigkeit des Verschwiegenen.

In einem staubdurchwehten Lichttrapez stehend stelle ich mir eine Form der Fotografie vor, die voranschreitet von der tradierten Arbeit mit dem Licht zu einer Arbeit am Licht – in der Art, wie die Philosophie eine Arbeit am Begriff ist. Will sagen: Dem Licht seine dunkelsten Seiten abgewinnen.

Am 29. Mai 1997 stieg Jeff Buckley vollbekleidet in den Mississippi und wurde am 4. Juni in Memphis tot aus dem Fluss geborgen. Es wäre verlockend, diese sieben Tage als formale Grundstruktur eines Textes heranzuziehen, wie es überhaupt verlockend wäre, viel öfter dem Pop die Struktur anzuvertrauen. Und etwa den fröhlichen Wahnsinn des Chelsea Hotels zu feiern, verdichtet wie „American Pie“ von Don McLean.

Ein Bild von Adolf Wölfli heißt „Der Engel des Herrn im Küchenschurz“. Der Engelkundige Paul Klee sah im Werk von Wölfli (und anderen) die „Uranfänge der Kunst“ und notierte auf einer Zeichnung von 1912: „Weh mir unter dem Sturmwind ewig fliehender Zeit, / Weh mir in der Verlassenheit ringsum, in der Mitte allein, / Weh mir, tief unten auf dem vereisten Grunde Wahn.“ Ein anderer Engelkundiger, Rainer Maria Rilke, sah im Werk von Wölfi die „Ursprünge des Produktiven“ und...

Wenn ich in irgendeinem Buch die Vorsokratiker bzw. ihr Denken geschildert lese, nehme ich mir immer vor, sie endlich einmal selbst zu lesen. Das Schwindelerregende ihrer Namen, das Fragmentarische der Überlieferung und die Rückkehr in die Elemente: Eine philosophische Annäherung an den Ab-Ort müsste unter allen Umständen eine vorsokratische sein. Nietzsche: „Das Urtheil jener Philosophen über das Leben und das Dasein überhaupt besagt so viel mehr als ein modernes Urtheil, weil sie das...

An manchen Tagen sitze sich am Küchentisch, und zwischen zwei müßigen Gedanken stelle ich mir vor, wie meine Wohnung als Ab-Ort aussehen würde. Dabei schließe ich die Augen nicht: Wer hätte mit geschlossenen Augen schon jemals das Futur II gesehen? Meine Wohnung, als Ab-Ort, wird für irgendjemanden ein Motiv gewesen sein. Oder auch nicht. Dann wende ich mich dem nächsten müßigen Gedanken zu. Diese Tage sind nicht meine besten, sie sind aber auch nicht meine schlechtesten.

Wie Carl Seeligs „Wanderungen mit Robert Walser“. Wie Gustav Janouchs „Gespräche mit Kafka“. Warum ist niemand mit Benjamin gegangen? Genazino, womöglich. Nein, nicht womöglich, sicher: Wilhelm Genazino „Flanieren mit Walter Benjamin“. Die wiederkehrende Szene, in der der hinter Benjamin gehende Genazino diesem auf die Schulter greift, um sein Tempo zu drosseln. Noch immer ist Flucht in Benjamin, die existenzielle Ruhelosigkeit des Exilierten, der rastlos sich vergewissernde...

Liegt irgendwo eine Brille, kann ich nicht widerstehen und muss sie aufsetzen, selbst wenn ein Bügel fehlt, als könnte ich mir damit ein anderes Sehen aufsetzen, mir Augen borgen und einen zuverlässigeren Weltzugang. Denn: „Meine Ansicht von diesem Leben ist eine völlig sinnlose. Ich nehme an, dass ein böser Geist ein paar Brillen auf meine Nase gesetzt hat, in welchen das eine Glas nach einem ungeheuren Maßstabe vergrößert, während das andre Glas nach eben solchem Maßstabe...

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