Ein Bild von Adolf Wölfli heißt „Der Engel des Herrn im Küchenschurz“. Der Engelkundige Paul Klee sah im Werk von Wölfli (und anderen) die „Uranfänge der Kunst“ und notierte auf einer Zeichnung von 1912: „Weh mir unter dem Sturmwind ewig fliehender Zeit, / Weh mir in der Verlassenheit ringsum, in der Mitte allein, / Weh mir, tief unten auf dem vereisten Grunde Wahn.“ Ein anderer Engelkundiger, Rainer Maria Rilke, sah im Werk von Wölfi die „Ursprünge des Produktiven“ und...

„An einer Flasche nuckeln“: Ich habe dieses Bild immer für übertrieben und klischeehaft gehalten, billig psychologisierend, bis ich die Fotografien in Charles Bukowskis „Ochsentour“ gesehen habe: Bukowski hat tatsächlich an den Flaschen genuckelt. Und jeder Sterntrinker hat gar keine andere Wahl: Die kleinen Fläschchen lassen sich nicht ansetzen, man muss an ihnen nuckeln. Andere fahren mit Rollern durch die Gegend. Und wieder andere lassen sich ihr Essen vorschneiden.

Wenn ich in irgendeinem Buch die Vorsokratiker bzw. ihr Denken geschildert lese, nehme ich mir immer vor, sie endlich einmal selbst zu lesen. Das Schwindelerregende ihrer Namen, das Fragmentarische der Überlieferung und die Rückkehr in die Elemente: Eine philosophische Annäherung an den Ab-Ort müsste unter allen Umständen eine vorsokratische sein. Nietzsche: „Das Urtheil jener Philosophen über das Leben und das Dasein überhaupt besagt so viel mehr als ein modernes Urtheil, weil sie das...

An manchen Tagen sitze sich am Küchentisch, und zwischen zwei müßigen Gedanken stelle ich mir vor, wie meine Wohnung als Ab-Ort aussehen würde. Dabei schließe ich die Augen nicht: Wer hätte mit geschlossenen Augen schon jemals das Futur II gesehen? Meine Wohnung, als Ab-Ort, wird für irgendjemanden ein Motiv gewesen sein. Oder auch nicht. Dann wende ich mich dem nächsten müßigen Gedanken zu. Diese Tage sind nicht meine besten, sie sind aber auch nicht meine schlechtesten.

Wie Carl Seeligs „Wanderungen mit Robert Walser“. Wie Gustav Janouchs „Gespräche mit Kafka“. Warum ist niemand mit Benjamin gegangen? Genazino, womöglich. Nein, nicht womöglich, sicher: Wilhelm Genazino „Flanieren mit Walter Benjamin“. Die wiederkehrende Szene, in der der hinter Benjamin gehende Genazino diesem auf die Schulter greift, um sein Tempo zu drosseln. Noch immer ist Flucht in Benjamin, die existenzielle Ruhelosigkeit des Exilierten, der rastlos sich vergewissernde...

Im Kälterwerden muss die Drei sich zur Vier erweitern. Ein viertes Fläschchen der vierten Jahreszeit und der immer gegenüberliegenden Himmelsrichtung. In den Erdgeschoßen geschieht Aneignung, gebrochene Fensterscheiben, so wie die Sollbruchstelle jeder Aufzählung zwischen Drei und Vier liegt. /3.1415926535/ Die Überwindung ist endlos, sie kehrt ewig wieder: „Ja.“ – Und immer ist da mindestens eine Ketchupflasche, als wäre die Gegenwärme im Rot enthalten und unbedenklich.

Liegt irgendwo eine Brille, kann ich nicht widerstehen und muss sie aufsetzen, selbst wenn ein Bügel fehlt, als könnte ich mir damit ein anderes Sehen aufsetzen, mir Augen borgen und einen zuverlässigeren Weltzugang. Denn: „Meine Ansicht von diesem Leben ist eine völlig sinnlose. Ich nehme an, dass ein böser Geist ein paar Brillen auf meine Nase gesetzt hat, in welchen das eine Glas nach einem ungeheuren Maßstabe vergrößert, während das andre Glas nach eben solchem Maßstabe...

Es gibt nicht nur ein Bild von Paul Klee, und Walter Benjamin hat unter anderem auch geschrieben: „Es kommen die Quartiere der Armut, die zerstreuten Asyle des Elends: das Weichbild. Weichbilder sind der Ausnahmezustand der Stadt, das Terrain, auf dem ununterbrochen die große Entscheidungsschlacht zwischen Stadt und Land tobt.“ Benjamin findet sie am Rande von Marseille, dort, wo die Stadt sich in die Vororte aufdröselt. Aber ich will sie überall sehen, Weichbilder, im Zentrum, in der...