Conversation on a Barstool

Der Haupteingang verschlossen – mit einer lächerlich dünnen Kette und einem lächerlich kleinen Vorhängeschloss. Er geht durch eine aufgebrochene Hintertür, leere Flaschen überall im Gang, jeder Schritt aufmerksamkeitsheischend. Das Gebäude groß und brutalistisch, kubikmeterweit Sichtbeton, im Eingangsbereich, innen, ein gepflastertes Karo. Von den nichttragenden Wänden – eine Bibliotheksnische, Nasszellen in den Zimmern – ist die Verschalung abgerissen oder weggeschimmelt, darunter Ziegel ohne Innenputz. Die Zimmer gen Süden sind eine einzige große Fensterfront. Eingeschlagene Scheiben, verbogene, geknickte Jalousielamellen: Sinusrhythmen pubertierender Phantasmen. Eine sog. Schule sog. politischer Bildung. Er geht die Räume ab: Ein Kino, in dem knietief das Wasser steht, ein Turnsaal, das Parkett verworfen, im Basketballring hängt ein T-Shirt, antiquierte Geräte in Küche und Waschküche, Spinde, und (warum?) deutschsprachige Warntafeln. (Achtung Hochspannung!) Die drei Stockwerke, in denen sich die Internatszimmer aneinanderreihen: Poster balkanischer Spice Girls, Marienbilder, in einem Zimmer verbleicht Metallica zu schwarz. Zuletzt die Bar. An der kürzeren Seite der Theke stehen sechs Barhocker, im Boden verschraubt, grün veralgt, vermoost, farnverwachsen und der Grund, warum er hier ist. – Er setzt sich auf einen der Hocker, ist plötzlich sehr müde (MÜDE: I'm tired, so tired, I can hardly stand,I can't breathe in the air in this city tonight – M. Faithfull, Conversation on a Barstool), will nur ein wenig warten – durchatmen –, ehe er mit dem Fotografieren beginnt. Motorengeräusch nach ein paar Minuten: Durch die Glastür sieht er, wie ein Polizist sein Motorrad vor dem Eingang abstellt. Er sollte abhauen, aber es fehlt ihm die Kraft dazu. Der Polizist sperrt die Tür auf, kommt direkt auf ihn zu, nimmt währenddessen seinen Helm ab. Sein Gesicht ist verschwitzt, verwahrlost und bekannt. Fettige Haarsträhnen, ein ergrauter, unregelmäßig geschnittener Bart, die Augenbrauen wie filzig behaarte Raupen. Der Polizist ist Slavoj Žižek. Žižek nickt und legt seinen Helm auf den Barhocker neben ihm. Seine Uniform als sog. overidentification ist nachtblau, ein neongelber Reflektorstreifen verläuft entlang der Bügelfalte. Žižek geht hinter die Bar und aus einer Lade, deren Griffapplikation mit kleinen, weißlich-transparenten Pilzen bewachsen ist, holt er eine Flasche Absinth, zwei Gläser, eine Packung Würfelzucker, eine Flasche Leitungswasser und zwei dieser kleinen silbernen Kellen. Alles, was nötig ist für eine Séance mit der Grünen Fee, dem unwirklichsten aller MacGuffins. Žižek, wie nicht anders zu erwarten, brabbelt sofort los, begeistert und wirr, Schlangen-S. Alles ist dir bekannt, hä? Alles schon mal gesehen. Die Bar zuallererst. Von oben (Žižek deutet mit dem Kopf auf die Betontreppe in den ersten Stock) schaut die Bar aus wie ein Fragezeichen, als ob Diktaturen Fragen stellen würden. Sauber haben Sie’s gemacht. Den ganzen Krempel raus, die Pflanzen ausgerissen. Aber selbst das hast du schon vorher gewusst. Nur, dass das Graffito hier (Žižek deutet mit der Hand an die Backsteinmauer, wo undeutlich ein blasser Fleck zu erkennen ist) weg ist, wundert dich, nicht? Aber das ist nur das Loch, nicht? Kein Grund zur Sorge. Lass uns lieber genießen! Jouissance! Also genieß gefälligst, Schwachkopf! Sonst geht’s in den Gulag. Ein heiseres Lachen. Žižek stellt die beiden Gläser auf den Tresen, balanciert die silbernen Kellen (die, so sagt google, ganz banal Absinthlöffel heißen) auf den Gläserrändern aus, legt je zwei Stück Würfelzucker auf die Löffel. Er gießt den Absinth über die Zuckerwürfel, bis die Gläser zu gut einem Drittel gefüllt sind, und zündet sie mit einem Zippo (eingraviert ist eine Landkarte Vietnams mit den Namen der wichtigsten Städte) an. Lässt es eine Weile brennen und spült den restlichen Zucker mit dem Wasser aus der Flasche ins Glas. Das Grün flockt augenblicklich aus (s.o. Louche-Effekt). Während die Flüssigkeit noch auskühlt, beginnt Žižek wieder zu reden. Also, die Sache ist doch so. Die Symbolisierung der Realität, ihre Vergeschichtlichung, produziert einen Überschuss, einen Überrest, ein Reales, das mit dem Mathem objet petite a gekennzeichnet wird. Was nach dem symbolischen Tod im Sinne einer Vernichtung des symbolischen Netzes übrig bleibt, ist demnach kein unschuldiges präsymbolisches Netz des Lebendigen, sondern ein paradoxes Objekt, das nur die Positivierung der Leere im anderen ist, die Leere, um die sich das Symbolische strukturiert, ein Objekt, das den traumatischen Kern des Genießens verkörpert. Klar? Also, dann. Žižek hebt ihm ein Glas entgegen, nimmt das andere. Sie stoßen an, trinken auf ex. Brennen im Hals: Beiden fällt das Atmen schwer. Aber, sagt er schließlich, nix für ungut, nur, du sagst der Leere im anderen, während du doch der Leere im Anderen hättest sagen müssen. Fragt sich, wer da in den Gulag muss. Aber egal, nix für ungut.. Erzähl mir einen Witz, Žižek, erzähl mir lieber einen deiner geschmacklosen Witze …