Gebrauchsanweisung

Dann also sog. Nägel mit sog. Köpfen. Bleibt mir eh nix übrig: Die Zeit drängt, der Raum schrumpft, und Ophelia, die unerschrockene Apnoetaucherin, hat uns alle verarscht. (So long, Romeo, take your tarot-cards and make a good choice.) Nägel also und darum also mal wieder die Reptilien. Doch diesmal ganz pragmatisch (und darum, naturgemäß, so abstrakt wie möglich), d.h. Reptil-Werden als Lebenstechnik (TÉCHNE: Die Existenz in eine Art permanente Übung verwandeln. – M. Foucault, Die Sorge um sich.) Aber wie geschieht’s? Wie geht’s? Zunächst: Reptil-Werden geschieht immer amphibisch. Also zwei, z.B., Beispiele: a) dieser See, um den die geschotterte Straße verläuft, Frühsommer. Junge Frösche, noch nicht lange der Kaulquappe (und die ihrerseits dem Laich-Rhizom) entwachsen, an den Hintern noch die Rudimente ihrer Schwänze, hüpfen zu hunderten über die Straße. Überall kleine Fröschchen. Was du für Steinchen hältst, hüpft davon. (Und was du Diminutiv glaubst, ist in Wirklichkeit noch sehr viel kleiner.) Kurz, Froschmasse, wenn es keine reptilo-amphibische Meute (MEUTE: Die Meute, selbst in ihrem eigenen Bereich, bildet sich an einer Flucht- oder Deterritorialisierungslinie, die Bestandteil der Meute selber ist und der sie einen großen, positiven Wert beilegt. – G. Deleuze u. F. Guattari, Tausend Plateaus) wäre. b) Der Feuersalamander. Es erübrigt sich etwas zu sagen: Der Feuersalamander (als Reptil) ist selbsterklärend (cf. Rhinolophus ferrumequinum), ist die Selbstevidenz (SELBSTEVIDENZ: Aber eben deshalb ist dieses Ich sich nicht durch und durch intim, gleichsam durchleuchtet, sondern ist opak und bleibt daher sich selber ein Rätsel. – A. Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung) schlechthin. Außerdem geht es ja (die Fotos beweisen es) eigentlich um den Schnee, und wer, mit Verlaub, hätte je mehr gefroren als der Feuersalamander.

Sodann: Reptil-Werden ist der Ausweg. (AUSWEG: Nein, Freiheit wollte ich nicht. Nur einen Ausweg; rechts, links, wohin immer; ich stellte keine anderen Forderungen; sollte der Ausweg auch nur eine Täuschung sein; die Forderung war klein, die Täuschung würde nicht größer sein. Weiterkommen, weiterkommen! – F. Kafka, Ein Bericht für eine Akademie.) Last Exit Brooklyn, last exit anywhere … Also Ausweg und also augenblicklich: Reptil-Werden geschieht immer spontan. (SPONTANITÄT: Von unten her bohrten sich wie Schaufeln meine Schulterblätter durch die Haut nach oben; krachend schlugen sie gegeneinander, wuchsen zu einem Kamm zusammen; Warzen traten mir wie Knöpfe auf der Brust aus; um die Augen bildeten sich Falten und Risse, die Haut verhornte. – Ich war umpanzert, kroch weiter – eine vorzeitliche Echse, die aus ihrem jahrtausendealten Versteck aufgestöbert worden war. – K. Hoffer, Der große Potlatsch.) Die Spontanität (s.o.: eine Art permanente Übung) freilich ist unabschließbar. Sie dauert ewig an. Der Moment (MOMENT: Hier könnte Ihr Zitat stehen!) des Unendlichen: nunc stans: hieros gamos: und das ganze Gedöns … Dauer in der Spontanentzündung: Der abgeworfene Schwanz wächst immer wieder nach, egal wie oft du ihn noch abwirfst. (ABWURF: Ah but don't go home with your hard-on / It will only drive you insane / You can't shake it (or break it) with your Motown / You can't melt it down in the rain – L. Cohen, Don't go home with your hard-on. – feat. B. Dylan & A. Ginsberg.) Das Reptil-Werden verewigt sich im Moment.

Nicht zuletzt: Reptil-Werden ist (no na, weil s.o.) Deterritorialisierung. (DETERRITORIALISIERUNG: D ist die Bewegung durch die „man“ das Territorium verlässt. Dies ist das Verfahren der Fluchtlinie. – G. Deleuze u. F. Guattari, Tausend Plateaus.) Niemals, wie vorzeitlich die Echse sein mag, Regression. (Nie wieder zurück in die Familie!) Freilich, das Ziel ist: Meer. Der vorzeitliche Weg – über die große evolutionäre Dummheit hinweg – in die Flüssigkeit (zurück.) Nicht zurück in die Vergangenheit – nunc stans! –, sondern: Der Weg zurück ins Meer ist der Weg zurück nach vorne. (Wie: Die Fotografie geht nicht hinter den Film zurück. Der Film, verdammt, der ist ja gar nicht: Die Bilder, glaubt mir, wollte nie nicht laufen lernen, niemals!) Denn: Es ist ein anderer Ozean. Ein anderer Aggregatszustand: dort, wo Wasser und Himmel, Flüssigkeit und Gas ineinandergreifen und einen neuen Aggregatszustand ausbilden: jenseits (im Diesseits) und innerhalb (des Außerhalb). Und auch am Strand, d.h. sandig. (SAND: Was ist Sand überhaupt? Sand ist eine Größendefinition: Ein Sandkorn kann zwischen 0,06 und 2 Millimeter groß sein. Sand kann fest, flüssig oder gasförmig reagieren. Sand führt Wissenschaftler in die Versuchung, einen vierten Aggregatszustand zu Hilfe zu rufen. – P. Haffter, Die Farben der Wüsten.) Nur dort im neuen Aggregatszustand kann das Reptil (kann Ich: Reptil) Fußspuren hinterlassen, die – wie mir souffliert wird – ihrer Form nach fraktal (FRAKTAL: In diesem Sinn bildet genauso das fraktale Subjekt so etwas wie eine Einheit, insofern es danach trachtet, sich in seinen Bruchstücken anzugleichen und die Formel einer endlosen genetischen Reproduktion zu erfüllen. – H.-J. Heinrichs, Erzählte Welt. – feat. J. Baudrillard) sind. Und nur dort im Sand (wo M sich zum Mörder ausschreibt) erreichst du das reptilische Aggregat und spülst den Menschen fort. (FORTSPÜLEN: Wenn durch irgendein Ereignis diese Dispositionen ins Wanken gerieten, wie an der Grenzen des achtzehnten Jahrhunderts die Grundlage des klassischen Denkens es tat, dann kann man sehr wohl wetten, dass der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand. – M. Foucault, Die Ordnung der Dinge.) So viel dazu. Genug Nägel gemacht, um alle Heilande zu kreuzigen … (Und was soll das alles mit Ophelia zu tun haben?! – Eben, eben.)