Der Schuh, das Abjekt und die Hinterbühne

Die Lumpenvenus könnte ebenso gut (und noch berechtigter) Schuh-Venus sein. (Gibt es für Schuhe ein ähnliches Äquivalent wie es Lumpen für Kleider sind?) Sie würfe denselben angelischen Schatten (SCHATTEN: Ein unscheinbarer Engel: Trotzdem war die Ähnlichkeit mit jenem Anderen, der ihn vor langer Zeit in Schnee und Sturm gerissen hatte, auf geheimnisvolle Art frappant. – K. Mann, Der Vulkan) und dieselben (unmöglichen) KL-Assoziationen stellten sich ein. Bzw. dasselbe Gefühl von Beklemmung, stößt er irgendwo in seiner Unwirklichkeit auf einen einzelnen oder ein Paar Schuhe, die irgendjemand stehen hat lassen. Das seltsame Paar Herrenschuhe am Bodensee: dunkelbraunes, abgetragenes Leder, scheinbar frisch geputzt. Perfekt parallel abgestellt auf dem Metallgerüst eines Fahrradständers. Oder der billige (Woher will er das wissen?) und jedenfalls billig glänzende Stöckelschuh in Warschau, der einsam auf einer Kirchenmauer steht. Dort abgestellt allein für ihn. (Das weiß er tatsächlich.) Oder der einzelne Kinderschuh (KIND: Ja, es haben ihn alle, die ihn kennen, irgendwie gern, diesen netten, etwas schrulligen alten Herrn. – L. Hirsch, Der Herr Haslinger), zwischen den Geleisen am Berliner Hauptbahnhof. Schuhe also, die zurückgelassenen: Der Zurückgelassene abortet jeden Ort. Der Schuh (als Lumpe, d.h. Subjekt) ist das Abjekt. (ABJEKT: I expel myself, I spit myself out, I abject myself within the same motion through which "I" claim to establish myself; it is thus that they see that "I" am in the process of becoming an other at the expense of my own death. – J. Kristeva, Powers Of Horror.)

Leave nothing but footprints … Er hat noch nie einen Fußabdruck hinterlassen, er hat immer nur Abdrücke seiner Schuhsohlen hinterlassen. Der Lost Place ist der Ort, den man mit Schuhen betritt. Und gerade eben ist er froh über die schweren, festen Schuhe mit dicker Sohle: Die gläsernen Türflügel zum Haupteingang sind eingeschlagen, Knirschen bei jedem Schritt, ein Gehen wie: nach einem Terroranschlag. Eine ehemalige Autowerkstatt, die Böden mit Papieren und Flyern bedeckt, einfallslose Graffiti, Kippen, Bier- und Wodkaflaschen von nächtlichen Feiern. Das Porzellan der Pissoirs, der Toiletten und Waschbecken zerdeppert. Er ist froh, dass er Sohlenabdrücke hinterlässt: Wenn es sich um Fabriken handelt oder Gewerbeunternehmen, Gasthäuser oder Krankenhäuser hat er damit kein Problem. Es sind Gebäude, die man immer mit Schuhen betritt. Öffentliche Gebäude (damals), aber jetzt (abondened) steht ihm nicht nur das Öffentliche zur Verfügung, sondern auch die Hinterbühne. (HINTERBÜHNE: Die Hinterbühne kann definiert werden als der zu einer Vorstellung gehörige Ort, an dem der durch die Darstellung hervorgerufene Eindruck bewusst und selbstverständlich widerlegt wird. – E. Goffman, Wir alle spielen Theater.) Er geht dorthin (in Schuhen), wo sonst nur die Berechtigten (in Schuhen) hingehen: Sekretärinnen, Arbeiter und der ganze erbärmliche Rest. – Viele Gebäude, die mit Schuhen betreten werden, sind nicht einfach nur öffentlich, sie stabilisieren darüber hinaus das Funktionieren ebendieser Öffentlichkeit. Gebäude (Krankenhäuser, Schulen, Kasernen etc.), die man (d.h. jeder) mit Schuhen betritt, sind Ausnahmeorte und Foucault. (FOUCAULT: Die Gesellschaft hat Gegenräume erfunden, diese lokalisierten Orte, diese realen Orte jenseits aller Orte, Heterotopien, die vollkommen anderen Räume. – M. Foucault, Die Heterotopien.) Selten geht man freiwillig in Gebäude, in die man mit Schuhen geht, selten fühlt man sich nackter, entblößter … bloßfüßig. In Schuhen geht man in sein Verderben.

Aber sobald er in ein Wohn-, d.h. in ein sog. Privathaus – vielleicht sogar auf einen Teppich im Vorzimmer – tritt, zögert er. Es erscheint ihm nicht falsch, es signalisiert vielmehr den Ausnahmezustand, in dem er (oder das Gebäude) sich befindet. An der Schwelle (SCHWELLE: Das Treppenhaus als Schwellenraum zwischen den Identitätsbestimmungen wird zum Prozess symbolischer Interaktion, zum Verbindungsgefüge, das den Unterschied zwischen Oben und Unten, Schwarz und Weiß konstruiert. – H. Bhabha, Die Verortung der Kultur) zum Privaten, im Vor- und Treppenhaus (Lass doch die Schuhe an, sagt man, und denkt: Wehe, Arschloch!) zieht man die Schuhe aus. Tut man es nicht, ist man kein Gast sondern ein Eindringling. Der Eintritt in Schuhen ist: Alarm. Der Handwerker (in Schuhen) betritt das Haus und sagt: Dein Obdach ist kaputt. Der Gerichtsvollzieher: Deine Finanzen sind kaputt. Der Einbrecher und der Lokalpolitiker: Ich nehme dir weg. Der Versicherungsvertreter: Leck mich am Arsch. Der Feuerwehrmann: Ich lösche dich. Der Zeuge Jehova: Ich bekehre dich. Der Polizist: Grüß Gott, ich bin die Gefahr im Vollzug. Der Sanitäter und der Arzt: Dein Körper ist kaputt. Der Paffe: Dein Körper ist unwiederbringlich kaputt. Der Bestatter: Ich … Bestatter haben kein Ich. Ja, und zuletzt sind da dann noch die Männer von der Spurensicherung, die sich über ihre Schuhe noch ein Paar Plastikschuhe ziehen. – Kurz: Wer Schuhe ins Haus trägt, trägt das Verderben ins Haus. (ZU SPÄT: Mach nie die Tür auf, lass keinen rein, mach nie die Tür auf, sei nie daheim. – EAV, Ding Dong.) Darum (als Regel):

/17.1/ Hüte dich vor Menschen in Schuhen. Recte: Hüte dich vor Menschen!

Die nicht ausgezogenen Schuhe verorten den Ort im Moment des Schwellenübertritts (ÜBERSCHREITUNG: Der souveräne Mensch Sades bietet unserem Elend keine Wirklichkeit an, die es transzendiert. Er hat sich aber in seiner Verirrung zumindest der Kontinuität des Verbrechens geöffnet! Doch verbindet Sade die unendliche Kontinuität mit der unendlichen Destruktion. – G. Bataille, Der heilige Eros) als Ab-Ort. Er, der betritt, ist Ausnahmezustand, so wie das, was er betritt, Ausnahmezustand ist. Es ist, als wären all die Verbotsschilder nicht gegen das Betreten an sich, sondern gegen das Betreten mit Schuhen aufgestellt worden. (Der Anarchist trägt Spingerstiefel – und unter dem Asphalt ist nie ein Meer gelegen, Schwachkopf!) Und im einstmals Öffentlichen tut sich jetzt unerwartet (und wie: Abgrund) das letzte Private auf. Er geht über die Scherben und das Papier, geht über eine Treppe in den ersten Stock, steht vor einer weiteren, nicht zerstörten Glastür. Auf der anderen Seite der Tür, im einfallenden Licht deutlich zu erkennen, steht ein Paar Turnschuhe. (Schwarz mit drei weißen Streifen.) Nicht verloren, nicht weggeworfen: abgestellt, um später getragen zu werden. Ein Paar Schuhe, wie sie auch in seiner Wohnung stehen – und doch auch nicht. Deutlicher als jedes Verbotsschild es könnte, untersagen sie jeden Eintritt: Wollte er weitergehen, müsste er hier, an dieser Stelle seine Schuhe ausziehen. Die Person weiter hinten im Gang, wo sich das Licht verliert, bleibt Silhouette. Sollte sie mehr werden als Schatten, konkreter, wie man sagt, müsste er (in Socken) eintreten und sich der Person nähern, aber er ist natürlich zu feige, seine Schuhe auszuziehen. Stattdessen geht er zurück ins Erdgeschoß und später zurück in seine Wohnung, wo er das Paar Turnschuhe (schwarz mit drei weißen Streifen) in sein imaginäres Schuhkästchen stellt. Zwischen den billig glänzenden Stöckelschuh aus Warschau und den Halbschuh auf jenem Abort-Foto, das als Thumbnail dieses Blogeintrags dient.