& Tod

Es ist ein seltsames Ding um die Schrift. (C. Lévi-Strauss, Traurige Tropen)

Oft versagen die Geschichten. (R. Prosser, Geister und Tattoos)

Ich glaube, ich muss es dir schreiben, dass am 3. Mai meine Frau mich für immer verlassen hat. Am 6. 5. haben wir sie verabschiedet. Sie ist an Brustkrebs gestorben. Vor genau zwei Jahren wurde sie rechts brustamputiert. Dann ging es ein Jahr, sogar etwas mehr, sehr gut. Im Sept. vorigen Jahres waren wir noch in Südtirol auf Urlaub. Hernach spürte sie wieder Schmerzen im Rückgrat. Es wurde immer schlimmer. Besonders zum Jahresende wurde es arg. Im Jänner war sie drei Wochen im LKhaus. Sie wurde wieder bestrahlt. Nicht weniger als 25 Bestrahlungen hatte sie erhalten. Die Bestrahlung hat ihr nicht gut getan. Sie musste anschließend immer liegen. Gehen konnte sie kaum noch. Ihr Zustand verschlechterte sich von Tag zu Tag. Mitte April musste sie wieder ins LKhaus und nach vierzehn Tagen war sie tot. Für mich ist es sehr schmerzlich. Ich habe mich mit meiner Frau bestens verstanden. Unser Familienleben war, so meine ich, bestimmt in Ordnung. Wie gerne hätten wir noch ein paar Jahre miteinander gelebt. Besonders gerne waren wir auf unserer Alm. Wir freuten uns immer auf das Wochenende, denn dann ging es nach oben. Ich fühle mich nun so einsam. Besonders am Abend, wenn ich vom Dienst heimkomme, ist es schlimm. […] Meine Frau konnte dich sehr gut leiden. Auch du dürftest meine Frau gerne gehabt haben. Sie war ein Mensch, den man wirklich sehr lieb haben musste. Es ist wirklich schade, dass sie nicht mehr unter uns ist. […] Herzlich grüßt Dich und Deine Lieben

Das Wohnhaus ist noch nicht lange verlassen, Weniges zurückgeblieben: Einbaumöbel, schweres Gerät in der Werkstatt, eine Handvoll Kassetten, Stofftiere, Nippes. Er liest den Brief, der wie drapiert auf dem Küchentisch liegt. Mehr noch als sonst hat er das Gefühl einzudringen, eine Intimsphäre unwiederbringlich zu zerstören. Viele Briefe mögen ähnliche Inhalte haben, über diesen oder jenen Tod (TOD: Nur ein einzelner Tod ist greifbar. Der dich persönlich betrifft. Direkt. Der Tod, den wir mit eigenen Augen oder durch die eines anderen sehen. – J.-C. Izzo, Marseille Trilogie) berichten, in ebenso einfachen Sätzen, die der Komplexität des Verlusts so wenig gerecht werden, wie komplexe Sätze. Der Brief stammt aus den 70er Jahren, ob er beantwortet worden ist, ist ungewiss. (Am Rand des Briefes ist mit Bleistift die Telefonnummer einer Waschmaschinenfirma notiert.) Wie auch wäre Antwort möglich – mit Schrift, die selbst nichts ist als Tod (TOD: Jedes Grafem ist seinem Wesen nach testamentarisch. Die Verräumlichung der Schrift ist das Abwesend- und Unbewusstwerden des Subjekts. Dieses Werden überkommt das Subjekt nicht als etwas, das es wählen oder in das es sich passiv hineinlassen könnte. Als Verhältnis des Subjekts zu seinem eigenen Tod ist dieses Werden gerade die Begründung der Subjektivität – auf allen Organisationsstufen des Lebens, das heißt der Ökonomie des Todes – J. Derrida, Grammatologie), Schrift, der der Tod (TOD: So knallt auch Heidegger mit der Peitsche, wenn er in dem Satz Der Tod ist das Verbum sperren lässt. – T. W. Adorno, Jargon der Eigentlichkeit) vorgängig ist. Und trotzdem bleibt keine Wahl, trotzdem bleibt nur die Schrift (in der Trauer), supplementär zur Fotografie. Wie Roland Barthes, wenn er den Tod (TOD: Es geht um Trauer, die nicht arbeitet, um den Versuch, Trauer untröstlich zu machen. Alle Raum-Zeit-Bestände der Fotografie sind trostlos – sie werden vom Tod eingeholt. Das macht ihre Anziehungskraft für Melancholiker aus. – H. Lethen, Der Schatten des Fotografen) der Mutter schreibt (im Foto) oder Peter Handke, wenn er den Tod (TOD: Die Fiktion, dass Fotos so etwas überhaupt sagen können –: aber ist nicht ohnehin jedes Formulieren, auch von etwas tatsächlich Passiertem, mehr oder weniger fiktiv? – P. Handke, Wunschloses Unglück) der Mutter schreibt (im Foto). – Und in diesem Brief, den er zurück in den Umschlag steckt: Der Name der Toten wird nicht genannt. Sie ist: meine Frau – und wird es immer bleiben.

Er versteht den Mann, versteht, warum er angesichts der Toten zu schreiben beginnt. Versteht seine Einsamkeit und warum er nur diese einzige Möglichkeit hat: Sprache. Mehr noch als der Foucaultsche Sex (dem der Tod (TOD: So entzifferten wir gemeinsam den Kode einer Sexualität, die erst durch unsere Automobilunfälle möglich geworden war, die Tode und Verletzungen jener, die wir sterbend am Straßenrand gesehen hatten, sowie die imaginären Wunden und Stellungen der Millionen, die noch sterben würden. – J. G. Ballard, Crash) freilich eingeschrieben ist) ist der Tod (TOD: Atemlos verwandeln wir unsere Lebendigkeit in Worte und Sätze, in Buchstaben und Schriften. Die Toten schweigen, und wir müssen reden, um zu beweisen, dass wir noch leben. – Th. Macho, Todesmetaphern) Diskursmaschine: Die absolute Stille provoziert die Stimme, wie nichts sonst. Nur in der völligen Einsamkeit, in der beharrlichen Stille der Toten konnte Sprache möglich werden. Und kann Sprache entstehen, im neuen großen Schweigen (der Moderne) und hinaus wuchern über seinen Gegenstand. Der Tod (TOD: Der Glaube an das Böse war notwendig gewesen, um den Tod zu zähmen. Die Abschaffung des Bösen hat den Tod in den Zustand der Wildheit zurückversetzt. – P. Ariès, Geschichte des Todes) muss verwildern, um die Zungen zu lösen. Der Tod (TOD: Nach und nach hören die Toten auf zu existieren. Sie sind aus der symbolischen Zirkulation in der Gruppe ausgeschlossen. Der Tod ist ein Verbrechen, eine unheilbare Verirrung. Den Toten ist weder ein Ort noch ein Zeit/Raum zugewiesen, ihr Aufenthalt ist unauffindbar. – J. Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod) muss zum ganz großen Anderen werden, jenseits der Schärfentiefe, irgendwo im Blasenspiel des Bokeh, damit die Schrift beginnen kann. Damit jemand zum Stift greifen und über den Krebstod (TOD: Dieses Buch ist keine Kampfschrift. Zumindest keine Kampfschrift gegen eine Krankheit namens Krebs. Aber vielleicht eine für die Autonomie des Kranken und gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens. – C. Schlingensief, So schön wie hier) schreiben kann. – Und: Freilich, denkt er, die Empfängerin des Briefes hat den Namen von: meine Frau gekannt, aber hat sie ihn auch genannt (angerufen), in dem Brief, von dem er nicht weiß, ob sie ihn je geschrieben hat?

Schrift also: also Tod. (TOD: Die Schrift im geläufigen Sinn ist toter Buchstabe, sie trägt den Tod in sich. Sie benimmt dem Leben den Atem. – J. Derrida, Grammatologie/ durchgestrichen) Schrift und ein Friedhof: Der Friedhof der bitteren Orangen (Campo Santo delle Cedrangolette) liegt in Neapel. Ein Armenfriedhof. Verscharrt werden dort diejenigen, die keine Angehörigen haben oder Angehörige, die sich kein Begräbnis leisten können. Der Friedhof hat dreihundertfünfundsechzig Grabstellen. Bestattet wird man (nackt) in dem Grab, das das Datum des Beerdigungstages trägt. (Die Verwesung wird durch Beisetzung von Kalk beschleunigt.) Der Friedhof der bitteren Orangen trägt diesen Namen, weil: Es war, wie eine Chronik berichtete, ein Düngerhaufen, auf dem die tägliche Ernte von den Straßen, Spitälern und Gefängnissen entsorgt wurde. Nachdem man diese Bestattungsweise abgeschafft hatte, wurde ein Orangenhain über den Toten errichtet, und der Campo Santo della Pietà wurde in den Campo Santo delle Cedrangolette umgetauft. (J. Winkler, Die Realität so sagen, als ob sie trotz-dem nicht wär oder die Wutausbrüche der Engel). Er hat all das im gleichnamigen Roman von Josef Winkler gelesen. Der Roman, in groben Zügen, ist nach dem Vorbild des Friedhofs aufgebaut. (Die Vorstellung, eine außerliterarische, eine architektonische, eine friedhofsarchitektonische Entität zum Vorbild eines Romans zu nehmen, hat ihn schwindeln lassen. Und der Schwindel hält bis heute vor.) Italien erweitert Winklers Bestiarium (um die Sexpuppe, um die Strichjungen, um … Foucault), während er zugleich die mitgeschleppten Toten endlich (und natürlich doch nicht, weil: niemals) bestatten kann. Winkler überführt die Toten einmal mehr in die Schrift seines Notizbuches (auf dem die eingetrockneten und eingekleideten Leichen der Bischöfe und Kardinäle aus dem Priesterkorridor in den Kapuzinerkatakomben in Palermo abgebildet sind – J. Winkler, Friedhof der bitteren Orangen) und überführt sie auf diesen Friedhof, auf dem noch die Toten wie … wie schmeckt Tod? (TOD: In den Friedhof der bitteren Orangen überführe ich auch die Leichen der beiden homosexuellen Jungen, die in ihrem sizilianischen Heimatort von den Mitbürgern in den Tod getrieben wurden. – J. Winkler, Friedhof der bitteren Orangen.) – Sie, die Namenlose, meine Frau, würde im Grab vom dritten Mai liegen. Wie, denkt er, mag dieses Grab vom sechsten Mai aussehen? Unterscheidet es sich in irgendeiner Weise von dem des fünften oder siebenten Mai? Wie bitter schmecken hier die Orangen? Wie bitter können Orangen schmecken?

Jacques Derrida hat außerdem gesagt, dass man stets um Vergebung bittet, wenn man schreibt. – Er weiß nicht, wo er das geschrieben hat, aber sowohl Friederike Mayröcker als auch Arno Geiger zitieren es – beide über einen Toten schreibend … Vielleicht war es ihm nicht möglich, den Namen von: meine Frau niederzuschreiben. Vielleicht wusste er Bescheid, um die Todkomplizin (TOD: Der Tod der Bücher. Der Tod des Helden als Einzelperson. Der Tod des Einzelwesens und Punkt. – D. Coupland, Generation A.) Schrift. Vielleicht wusste er aber auch nur: Sie war ein Mensch, den man wirklich sehr lieb haben musste.