Foto & Tod

Zwischenbilanz: Neun Mal (bisher) hat er den Tod (TOD: Der Tod ist eigenste Möglichkeit des Daseins. Die eigenste Möglichkeit ist unbezügliche. Die eigenste, unbezügliche Möglichkeit ist unüberholbar. Die eigenste, unbezügliche und unüberholbare Möglichkeit ist gewiss. Die eigenste, unbezügliche, unüberholbare und gewisse Möglichkeit ist hinsichtlich der Gewissheit unbestimmt. – M. Heidegger, Sein und Zeit) definiert bzw. definieren lassen. Vier Mal hat er darauf vergessen und holt es nach. Dreizehn Mal also. Selten, denkt er, viel zu selten vielleicht. Schließlich geht es doch auch um Fotografie, schließlich: um die große Komplizin des Todes. (TOD: In der Phantasie stellt die Photographie jenen äußerst subtilen Moment dar, in dem ich eigentlich weder Subjekt noch Objekt, sondern vielmehr ein Subjekt bin, das sich Objekt werden fühlt: ich erfahre dabei im kleinen das Ereignis des Todes, ich sehe, daß ich ganz und gar Bild geworden bin, das heißt der Tod in Person; die anderen – der andere – entäußern mich meines Selbst, machen mich blindwütig zum Objekt. – R. Barthes, Die helle Kammer.) Allein das Gehäuse, der body: der Leichnam, und das geriffelte Schwarz der Verstorbenen. Schon der Griff nach dem Werkzeug ist der Griff nach dem Tod. (TOD: Fotografieren heißt die Sterblichkeit inventarisieren. Jede Fotografie ist eine Art memento mori. Fotografieren bedeutet teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Wandelbarkeit anderer Menschen (oder Dinge). Eben dadurch, daß sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit. – S. Sontag, Über Fotografie) Manchmal hat er die absurde Vorstellung, dass vor der Erfindung der Fotografie niemand gestorben ist.

Er betrachtet die auf der fotografierten Fotografie – duplizierter Mord? – abgebildeten Menschen. Und wie immer, wenn er die Fotografien von Menschen betrachtet, stellen sich dieselben Gedanken ein. Die Gesichter wirken so naiv. Der Glaube an Zukunft, Hoffnung, egal wie stumpf die Augen sein mögen. Es ist absurd, denn der Blick in das Objektiv (unmöglich den gläsernen Blick zu erwidern) ist immer der Blick in das Futur II, der Blick, der den Blick auf das fertige Foto antizipiert: So werde ich ausgesehen haben, das werde ich gewesen sein. Außerdem: Das Entscheidende (was immer es gewesen sein mag) hat sich ereignet kurz bevor der Auslöser gedrückt wurde oder kurz danach. So oder so, der Fotograf muss den richtigen Zeitpunkt (KAIROS: Aber er ist zu allem bereit, ein Dialektiker, der die Gelegenheit ergreift. – G. Deleuze, Sacher-Masoch) verfehlen. Es kann keinen richtigen Moment geben, weil jeder Moment der richtige ist. Und natürlich: Die unweigerliche Frage nach dem Tod. (TOD: Wenn der Fotograf ein Bild macht, sagt er: Vollkommen! Genau wie Sie sind! Das ist der Tod. Der Tod ist eine Fotografie. – S. Sontag, Der Wohltäter.) Wer der Abgebildeten lebt noch? Das Foto ist alt, nicht uralt (50er-Jahre, denkt er, womöglich 40er-Jahre), die beiden Burschen jung, gut möglich, dass sie noch am Leben sind. Fotografiert freilich sind sie (s.o.) längst tot, jeder auf jeder Fotografie (s.o.) ist längst tot. 

Auch ohne Fotografien vor Ort: Das was er, als Voyeur, fotografiert, ist das Zurückgebliebene, das, wovon ein Tod (TOD: Doch das, was wir als Tod bezeichnen, ist nur eine Phase eines länger dauernden Geschehens, des Sterbens, denn das leibliche Leben erlischt in den verschiedenen Organen unterschiedlich schnell. – G. Condrau, Der Mensch und sein Tod.) seinen Ausgangspunkt genommen hat. Er denkt an diese seltsame, postmortale Zentrifugalkraft, die einsetzt, sobald jemand stirbt. Die Dinge und Gegenstände verlieren augenblicklich den Mittelpunkt, um den herum sie sich ein (fremdes, geborgtes) Leben lang zentriert haben. Wie Eisenspäne, die abfällt von einem Elektromagneten, wenn jemand den Stromschalter umlegt. Eine Kraft wie: thantoid beschleunigte Entropie. Der Mensch als Tod-Feind (TOD-FEIND: womit ich den Feind des Todes meinte. – Canetti, Die Fackel im Ohr) und Widersacher (WIDERSACHER: Wenn man den Menschen als negativ entropische Tendenz definiert, dann wird dort der Mensch zum erstenmal tatsächlich Mensch sein. – V. Flusser, Ins Universum der technischen Bilder.) kann tot nicht länger feinden und widersachen. Und die Fotos (die er macht)? Engagieren sie sich? Bannen sie die Bewegung (zum Nichts) nach dem Tod? (TOD: Der Tod ist nicht die Wurzel all dessen, was Kultur ausmacht. Aber der Tod (genauer gesagt, das Gewahrsein der Sterblichkeit) ist die entscheidende Bedingung für die kulturelle Schöpferkraft. – Z. Bauman, Tod, Unsterblichkeit und andere Lebensstrategien.) Oder machen sie die Bewegung überhaupt erst sichtbar und damit wirklich? Macht die fotografische Erstarrung die postmortale Flucht der Dinge überhaupt erst möglich?

Auch wenn die Zentrifuge zu ihrem Abschluss gekommen ist, alle Dinge fortgetragen sind und nichts zurück bleibt als Leere, hört er nicht auf zu fotografieren, d.h. zu töten. Er sagt Ja und weiß, dass der Finger, der den Auslöser am body drückt so kalt ist wie der Tod. (TOD: Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins: Sag NEIN! – W. Borchert, Dann gibt es nur eins!) Und denkt: Seltsam, dass Borchert den Fotografen nicht in seine Ahnengalerie der Tod-Archivare (TOD: We don't need no water let the motherfucker burn / Burn motherfucker burn – Bloodhound Gang, Fire Water Burn) aufnimmt. Oder: Nicht seltsam, sondern nur logisch, kein Fotograf hat je Nein gesagt, kann je Nein sagen. (Cf. Malcolm Wilde Browne.) Ja! Das tote Haus bleibt übrig zuletzt: magersüchtiger Sarkophag für nichts als Staub und Licht: Kenotaph, Leider-nicht-Brieflos für Nekrophile. Er dokumentiert das siechende, sterbende Haus, das timelapse-Phantasma immer im Hinterkopf: über all die Jahre hinweg … Die Fotografie schlechthin, das Punctum (PUNCTUM: Das ist es! Ein jähes Erwachen, durch keinerlei Ähnlichkeit ausgelöst, das satori, wo die Worte versagen, die seltene, vielleicht einzigartige Evidenz des So, ja, so, und weiter nichts. – R. Barthes, Die helle Kammer) aller Fotografien aller Zeiten: Der Blick in die Leiche. (MORTALISMUS: Es ist nicht mehr der Blick eines lebenden Auges, sondern der Blick eines Auges, das dem Tod ins Auge gesehen hat: ein großes, weißes, Leben zersetzende Auge. Der Tod ist der Spiegel, in dem das Wissen das Leben betrachtet. – M. Foucault, Die Geburt der Klinik).

Erst zuhause bei der Durchsicht der Fotos fällt ihm auf, dass er sich selbst gebannt und wie gewollt in den Spiegel gesetzt hat. (Als könnte er sich selbst als Beobachter beobachten, als wäre er der Schrödinger und die Katze zugleich.) Er würde gerne sagen: intendiert & Zitat, new topographic & Lewis Baltz, aber es war purer Zufall: ein Streifschuss, friendly fire. (Todeszeitpunkt: 21. Juli 2016, 18:54.) Ohne es zu wollen hat er sich selbst … hat er seinen Tod (TOD: Mein Ich von gestern geht mich so wenig an wie das Ich Napoléons oder Goethes. – H. v. Hofmannsthal, Tagebuch, 17. Juni 1891) antizipiert, d.h. fotografiert. (Denn ebenso gut könnte er sich fragen: Was wird mich mein Ich von Morgen angegangen sein?) Und natürlich muss er hier (beim Blick in den Spiegel, der ihn, als Toten, erblickt und der Linse ausliefert) an all die Selfie-Fotografen denken. An das absurde, suizidale Begehren, das darin steckt, an die totale Antizipation, an das Futur III, das zu formulieren ihm unmöglich ist. Wer wollte es auch formulieren? In welcher Sprache wäre es möglich? Nach welcher Schrift (SCHRIFT: Schriftsteller sein, heißt Sprache haben über den Tod hinaus. Für den Tod selbst hat er Sprache nur als Suizidant. – H. Burger, Tractatus logico-suicidalis) müsste er greifen? Fortschrift? Aber Schrift d.i. ja schon Supplement der Fotografie, Schrift d.i. ja schon die andere große Komplizin des Todes (TOD: And I find it kinda funny, I find it kinda sad / The dreams in which I'm dying are the best I've ever had – Tears for Fears, Mad World).