Louche-Effekt

Bank, Versicherung, mittleres Management: Ich sehe den Mann jedes Mal, wenn ich früher aufstehe, als es mir gut tut. Er wartet ungeduldig vor dem Geschäft, bis es aufschließt, macht dann den immer gleichen Einkauf und geht in den Dreieck-Park zu seiner Parkbank. Er holt den transparenten Halbliterplastikbecher aus dem Aktenkoffer, stellt ihn neben sich auf die Bank. Dann die beiden eben gekauften Stern-Dreierkartons. Öffnet einen Karton, öffnet die drei Fläschchen, leert den Inhalt in den Becher. Dann der zweite Karton. Er wirft den Müll in den Abfalleimer und schwenkt den Becher eine Weile vor seinem Gesicht. Dann – die linke Hand hält den Becher weiter auf Kopfhöhe – fummelt er mit der Rechten eine Thermoskanne mit eiskaltem Wasser aus dem Koffer. Er füllt den Becher bis an den Rand voll. Die klare, bernsteinfarbene Flüssigkeit flockt, sie wird milchig und pastellfarben, rauchig-matt. Während des Vorgangs hellt das Gesicht des Mannes sich auf: Ein Strahlen in den Augen, klar und gesättigt, das bis zur Mittagspause vorhalten wird.

Der Grund heißt Anis. Die ätherischen Öle der Anissamen, die Anethol enthalten, lösen sich in Alkohol, kaum jedoch in Wasser. Das Wasser und die hydrophoben Öle bilden eine sog. Öl-in-Wasser-Emulsion, und an der Grenzfläche zwischen den Öltröpfchen und dem Wasser wird das Licht gestreut. Je mehr Anis enthalten ist, umso trüber die Mischung. – Manchmal verstehe ich den Mann: es sind sanfte Farben, heisenbergunscharf und irgendwie … geflüstert. (NEBELFLÜSTERN: It's hard to hold a candle in the cold November rain – Guns n` Roses, November Rain.) Farben, die ich sympathisch finden müsste, die mir ästhetisch aber zuwider sind. Rot-Schwarz-Weiß: Pink-Grau-? Was ist die pastellene Kehrseite von Weiß? Weiß ist sein eigenes Pastell und das Vage in all den anderen Farben. (Ergrautes Erinnerungsquadrat…) Weiß (die Deckweißtube im Malkasten – wie: ausgestoßen – wie: um danach zu greifen, zärtlich) ist der Verdächtige, der Schuldige, der Verurteilte, der Hingerichtete. Weiß ist an allem schuld.

Klassische Farbenlehre: Rot, Gelb, Blau, Orange, Grün, Violett. Grundfarben und Komplementärfarben, zirkulär angeordnet. A und das Komplement von A (das nicht Z ist.) Weniger klassische Farbenlehre: Weiß bedeutet, die Farben (Grund- und Komplementär-) supplementär zu ergänzen und zu ersetzen. Weiß ist das Supplement. (SUPPLEMENT: Das Supplement fügt sich hinzu, es ist Surplus; Fülle, die eine andere Fülle bereichert, die Überfülle der Präsenz. Es kumuliert und akkumuliert die Präsenz. Aber das Supplement supplementiert. Er gesellt sich nur bei, um zu ersetzen. Es kommt hinzu oder setzt sich unmerklich an-(die)-Stelle von; wenn es auffüllt, dann so, wie wenn man eine Leere füllt. – J. Derrida, Grammatologie.) D.h. neblige Farbsupplemente vor dem Fenster und die traurige Lyrik ihrer Namen: Chamois, Camel, Aprikose, Lachs, Lila, Lavendel, Lindgrün … Dennoch: Ich mag Pastellfarben nicht mögen, muss ich sie auch als Supplement im Farbkreis jubilitorisch (wie man sagt) affirmieren, beherrscht das Chamäleon doch gerade sie am besten.