Traurige Toiletten

Der Weg in die Fremde ist der Weg zum Ab-Ort und ein Weg von Abort zu Abort. Claude Lévi-Strauss etwa macht sich auf den Weg in die traurigen Tropen, mit dem Schiff nach Brasilien. Die Schiffstoiletten entlang der Reling sind aus Holz, eine mit Zink verkleidete Holzrinne führt von ihnen aus ins Meer. Von intensiver werdenden Urin- und Fäkalgerüchen ist die Rede, von erschwerten Bedingungen bei hohem Wellengang und von den absurden Wettrennen frühmorgens, um den Morgenschiss allein hinter sich bringen zu können. Und am Ende, schreibt Lévi-Strauss, legt man sich überhaupt nicht mehr schlafen. Oder Nigel Barley, der in die traumatischen Tropen reist, im Zug durch Kamerun. Die Religion spaltet die Horde der pinkelnden Männer. Die Christen pinkeln stehend in das Becken im Waschraum. Die Muslime dagegen – dem Hocken zugeneigt – lehnen sich (hockend) halb aus der Tür des fahrenden Waggons. Unter Einsatz ihres Lebens, schreibt Barley, breiten sie ihre Gewänder in Form eines ausladenden Zelts um sich herum aus.

Und am heimischen Abort? Die Ratlosigkeit, denkt er manchmal nach dem Morgenschiss, denn jeder Weg auf den Abort ist ein Weg in die Fremde. Scheiße: Schizo: Schiene: Abtrennung: Abschied (ABSCHIED: ist das einzige Motiv. – Klaus Mann): Gerüche & geniale Nüstern, Wiederholung & Wiederholungszwang: Fort-da, das Unheimliche und die ewige Wiederkehr. Alles also beim Alten und altbekannt: Kristeva: Abjekte, der Fremde, der er sich selbst ist, die gnadenlos brennende schwarze Sonne ohne Schatten und natürlich die poetische Sprache, die längst nicht mehr revoltiert. Alles bekannt, alles … habe nun, ach! … Allein: Für einen Akademiker ist es leicht, in einer Debatte am runden Tisch zu behaupten, wir lebten in einem postideologischen Zeitalter – in dem Moment, in dem er nach der hitzigen Diskussion die Toilette aufsucht, steckt er knietief in Ideologie. (S. Žižek, Lacan.) Allein: Noch die zerdepperten Pissoirs lachen, können nicht aufhören zu lachen, und darum fasst er den Vorsatz: Morgens, in dieser abortigen, abjektiven Ratlosigkeit, wird er nicht länger in den Spiegel, sondern (ideologisiert) in die Muschel blicken: Und das, was er sehen wird, wird der Wahrheit sehr viel näher kommen.