going going gone

Sehr viel besser als die vokalisch entschleunigte Ruhelosigkeit beschreiben es die chatwineske restlessness und ihre konsonantische Anatomie: Die zischenden Frikative beschleunigen das Wort, während er es ausspricht (oder auch nur denkt), jedes weitere S das Durchbrechen einer kleinen Schallmauer. Diese manchmal bis zur Panik gesteigerte Unruhe, ein flirrendes Fort, nomadische Halluzination: Die nomadische Kunst tendiert mehr oder weniger dazu, tragbar, asymmetrisch, dissonant, rastlos, entkörperlicht und intuitiv zu sein (B. Chatwin, Die nomadische Alternative). Endlich wieder Geh-Temperaturen, endlich wieder die Möglichkeit, dem Obdach – das ihm, weil er es hat, Engführung werden kann – zu entfliehen. Gehen, ziellos und verblasen von einem Wind, der nicht frieren lässt. Er geht immer und muss immer gehen. Und gerne würde er gehen, ohne davon zu erzählen. (Nicht von den verwundeten Statuen im Park, nicht von den toten Tieren am Straßenrand und auch nicht von den Blasen, die er sich ergeht und aufsticht: Die Flüssigkeit darin ist so klebrig, dass sie nur bitter sein kann, aber er wagt es nicht, sie zu kosten.) Aber er kann nicht anders. Zuhause angekommen muss er dem Papier vom Gehen erzählen, er muss das Gehen im Schreiben wiederholen. Vielleicht weil er das Gefühl hat, dass bereits das Gehen Wiederholung ist. Er ist nicht der erste, immer sind da schon Spuren, immer, bei jedem Gang gibt es Vorgänger. Manchmal ist er sich selbst vorausgegangen, dann erzählt er dem Papier, wie erbärmlich es ist, dieselben abgetretenen Wege wieder und wieder zu gehen, wie erbärmlich, sich hinterherzulaufen, ohne sich einzuholen.

Zum Ersten: Vorgänger W. Benjamin. Den Flanierenden leitet die Straße in eine entschwundene Zeit. Ihm ist eine jede abschüssig. Sie führt ihn hinab in eine Vergangenheit, die umso bannender sein kann als sie nicht seine eigene, private ist. Ein Rausch kommt über den, der lange ohne Ziel durch Straßen marschierte. Das Gehen gewinnt mit jedem Schritte wachsende Gewalt. (Das Passagen-Werk) Schon hier scheint der Engel sich anzukündigen: Jeder Weg Rückweg, zurück in Vergangenes über Trümmer und Trümmer Gebirgs. (Wie jeden Herbst die zahllosen Rilkefragmente mitten im Denken: wird in den Alleen hin und her unruhig wandern …) Immer hinab: Hinein… Nicht in seine Vergangenheit, in die boulevardesk halluzinierte Vergangenheit der Toten: Das Kolportagephänomen des Raumes ist die grundlegende Erfahrung des Flaneurs. Der Raum blinzelt den Flaneur an: Nun, was mag sich in mir wohl zugetragen haben? (Ebda) Und fragt ihn ebenso: Was mag sich hier nicht zugetragen haben? Was wurde Verabsäumt? Wie viel unterlassene Hilfeleistung? Massen, denkt er: an Übersehenen, Verzweifelten, Lumpen. Komplementärmassen, die nicht weniger schleierhaft sind: Die Masse legt sich als Schleier vor den Flaneur: sie ist das neueste Rauschmittel des Vereinsamten. Sie verwischt, zweitens, alle Spuren des Einzelnen: sie ist das neueste Asyl des Geächteten. Sie ist, endlich, im Labyrinth der Stadt das neueste und unerforschlichste Labyrinth. Durch sie prägen sich bislang unbekannte chthonische Züge ins Stadtbild ein. (Ebda) Er geht weiter, verlässt das Haus (fürs erste) und sieht, direkt vor der Eingangstür, zwei Fußspuren, an denen er nicht vorbeigehen, in die er treten muss: a) Die letzte Reise des Flaneurs: der Tod. Ihr Ziel: das Neue. b) In der Figur des Flaneurs hat die des Detektivs sich präformiert. (Ebda)

Zum Zweiten: Vorgänger L. Burckhardt. Gehen (mit allen Sinnen: Gehen) ist Erkenntnis, jeder Tapser ein wenig Verstehen. Das linke Bein These, das rechte Bein Antithese – und kein Synthese, d.h. kein Sich-Setzen, keine Pause. – Die Promenadologie befasst sich mit den Sequenzen, in welchen der Betrachter seine Umwelt wahrnimmt, ist also ein Instrument sowohl der Sichtbarmachung bisher verborgener Teile des Environments als auch ein Instrument der Kritik der konventionellen Wahrnehmung selbst. (Warum ist Landschaft schön?) Das heißt: mittlere Geschwindigkeit: schweifender Blick (offen, zu staunen, offen, zu zweifeln), makrobesessen und weitwinkelig zugleich. Eine sammelnde und collagierende Technik: In der Umwelt eine Landschaft zu erblicken, ist eine schöpferische Tat unseres Gehirns, hervorgebracht durch bestimmte Ausklammerungen und Filterungen, aber auch integrativer Tätigkeiten des Zusammensehens. Die Landschaft ist ein Trick unserer Wahrnehmung, der es ermöglicht, heterogene Dinge zu einem Bilde zusammenzufassen und andere auszuschließen. (Ebda) Und schweifend, d.h. natürlich auch schielend. Das silberne Sehen ist immer auf das Ruinöse gerichtet: In ruinierter Form ist die technische Leistung nicht nur integrierter Bestandteil der Landschaft geworden, sondern geradezu ihr Indikator: wo die Ruine Vergangenheit anzeigt, da entsteht für den Spaziergänger Übereinstimmung vom Erwartungs- und Erscheinungsbild. (Ebda) Ohne Nostalgie, denkt er, aber auch ohne Ironie. (Er weiß nicht, was davon er mehr zum Kotzen findet.)

Zum Dritten: Vorgänger Th. Bernhard. Gehen als Weg- und Wi(e)der-Gehen: sich umdrehen und eine andere (womöglich die fünfte) Himmelsrichtung wählen. Sich aus dem Staub machen, um sich das Leben zu retten: Die anderen Menschen fand ich in der entgegengesetzten Richtung, indem ich nicht mehr in das gehasste Gymnasium, sondern in die mich rettende Lehre ging, gegen alle Vernunft nicht mehr in die Mitte der Stadt, sondern an ihren Rand, in der Nähe des Irrenhauses vorbei in die Hohe Schule der Außenseiter und Armen, in die Hohe Schule der Verrückten und der für verrückt Erklärten (Der Keller) Der entgegengesetzte ist immer auch der Weg an und über eine Grenze, selbst wenn jenseits davon nur Bayern, nur sich ausdehnender bairischer Sprachraum ist. (Diese Grenzgänge waren für mich das Unheimlichste im Leben gewesen. – Die Ursache) Matrix des Wi(e)der-Gehens (jedes Gehens) freilich ist der Gang durchs Irrenhaus, und darum ist ein Raum- und Zeitsprung nötig. Vom Mönchs-, zum Wilhelminenberg, Am Steinhof, Grenzgang zwischen Hermann und Ludwig (und Neffe Paul hat da auch noch ein Wörtchen mitzureden): Den Lungenkranken war es strengstens verboten, ihr Areal zu verlassen und das der Geisteskranken aufzusuchen, umgekehrt auch. Es war zwar das eine von dem anderen durch hohe Gitter abgetrennt, aber diese Gitter waren zum Teil so verrostet, dass sie nicht mehr dicht waren, überall waren große Löcher in den Gittern, durch die man leicht von dem einen Areal in das andere wenigstens kriechen konnte. (Wittgensteins Neffe) Und dann, um am Ort des Verbrechens verharren zu können, noch ein zweiter Zeitsprung: Eine Irrenanstalt aufzusuchen, dazu gehört die größte Überwindung. Schon die Annäherung an Steinhof verursacht mir Übelkeit. Wenn wir wissen, dass jeder Augenblick die Grenzüberschreitung nach Steinhof sein kann. Die Kunst des Nachdenkens besteht in der Kunst, das Denken genau vor dem tödlichen Augenblick abzubrechen. Aber niemand weiß, wann der tödliche Augenblick ist. (Gehen) Irre und Grenzwertiges, Zäune und Löcher: das tägliche Brot also, denkt er, während er sich durch ein Loch im Zaun ins Areal zwängt.

Die Vorgänger, so sie es wert sind, ihnen nachzugehen, gehen ziellos, sie legen keine vektoriell-gerichteten Wege (von A nach B oder C nach D oder H nach A) zurück. Sie sind Streuner, flanierende, spazierende, grenzgehende Streuner. Ihr Ziel, das sie unendlich weit vor sich sehen, haben sie längst hinter sich. Gehen, denkt er, sie müssen nur noch gehen. Während … Was ist mit ihm? Er hat viel zu oft das ganz konkrete Ziel: verlassenes Haus. Aber das tut nichts, beruhigt er sich: Sein Gehen beginnt ja erst vor Ort, das verlassene Haus ist ihm Labyrinth, Ruine, Irrenhaus. Und dort ist ihm weiter kein Weg vorgegeben, dort wird auch er zum Streuner: räudiger Flaneur, grätziger Spaziergänger und sputumspuckender Kellerbewohner zugleich. Jenseits des Zauns, mitten im Wahnsinn. Und später dann, am Schreibtisch wird er dem Papier erzählen, was Chatwin ihm erzählt hat: Es gab Zeiten, in denen die Villa wie ein Sanatorium für kränkelnde Königinnen und Kaiserinnen gewirkt haben muss. Als sich der Vorrat an königlichen Persönlichkeiten erschöpfte, sprachen deren Nachfolger vor. (Zwischen den Ruinen.)