Ob-Dach: Haut-Ich

Wie viel Dach (reales, konkretes Dach: aus Ziegeln oder Wellblech oder Schindeln) benötigt Obdach? Er steht (nicht zum ersten Mal) vor diesem Haus. Sonnenuntergang, einer der letzten warmen Herbsttage. Das Haus hat kein Dach mehr, nur noch einen Dachstuhl, nicht nur lost, sondern dead. Gehäutet (HAUT: Die Haut schützt unser inneres Milieu vor Störungen von außen. In ihrer Ausformung, Oberflächenbeschaffenheit, ihrer Färbung sowie ihrer Narben trägt sie die Zeichen dieser Störungen. In gewisser Weise entblößt die Haut diesen inneren Zustand, den sie zu schützen vorgibt. – D. Anzieu, Das Haut-Ich), Skelett, ein geometrischer Brustkorb, der sich in die Farben wölbt. Kann dieses Haus noch Obdach bieten? Obdach sein? Es muss, denkt er, wenn er an die vielen Menschen, die vielen Spuren der vielen Menschen denkt. Nicht nur im sog. urbanen Raum, auch weit darüber hinaus in der Landläufigkeit gibt es wenige Gebäude, die überhaupt keine Spuren von Nachnutzung (Obdach schaffen wie … I was born with nothing, steht auf einem ausgeblichenen post-it an einer Litfaßsäule, and I still have most of it left.) aufweisen. Sie, die Nachnutzer, schlafen nicht auf der Straße oder unter Brücken. Sie kriechen unter die kaputten Dächer, unsichtbar nachts, verloren ihn verlorenen Häusern. Sichtbar nur tagsüber (mitunter getarnt in textiler Normalität), sichtbar nur im Draußen.

Obdachlosigkeit ist Draußen. (DRAUSSEN: Es wird hell Draußen ist feindlich schließ dich ein mit mir hier sind wir sicher ich liebe dich vergiss es – Einstürzende Neubauten, Draußen ist feindlich.) Obwohl: Zwei Menschen, Vertreter unterschiedlicher sozialer Einrichtungen, erklären ihm an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen Zusammenhängen: Niemand in dieser Stadt müsste auf der Straße schlafen (leben), es gäbe genügend Unterkünfte. Manche verzichteten freiwillig, wollten das Angebot nicht annehmen, aber im Grunde … Er denkt an den Mann, den er schon so oft in seine Texte gezwungen hat. (Vertextung wie Verwurstung, Fiktionalisierung wie Gefangennahme.) Er sitzt (mittlerweile) in diesem Backsteintunnel am Berg, ein Nest aus alten Decken und Kleidungsstücken, halbgeleerte Softdrinks umrahmen ihn. Er thront, denkt er, und will (und kann) ihn sich nicht mit einer Klobürste in der Hand vorstellen. Und denkt weiter: Es sind viele, viel zu viele, als dass alle im Bereitgestellten Unterkunft finden könnten. Und weiter: Er, thronend, ist immer noch sichtbar – für ihn, er macht ihn sichtbar: Er ist ihm der Andere (und sein Blick), er (als der Andere) erstarrt ihn (als Obdachlosen) und lässt ihn erstarren (in seiner Obdachlosigkeit).

Er (wie alle anderen) ist der Andere mit dem ganz großen A (der Lacan-&-Sartre-Andere), der draußen jenseits des Obdachs lauert: Denn Obdachlosigkeit, denkt er, bedeutet v.a. absolutes Ausgeliefertsein an den Anderen und seinen immerwährenden Blick, permanente Sichtbarkeit, erzwungene Exhibition, totaler Verlust der Intimität. Das Auge des Anderen schließt sich nicht, nicht für das kürzeste Blinzeln. Aber, denkt er, zugleich gilt: Sichtbar gemacht, nur um darüber hinwegsehen zu können. (Ich bin der Ort, deiner unmöglichen Artikulation, und ich bin dein Verschweigen. Ich bin der Tod (TOD: Der Tod ist eigenste Möglichkeit des Daseins. Die eigenste Möglichkeit ist unbezügliche. Die eigenste, unbezügliche Möglichkeit ist unüberholbar. Die eigenste, unbezügliche und unüberholbare Möglichkeit ist gewiss. – M. Heidegger, Sein und Zeit)deiner Möglichkeiten, und ich bin der, der über die möglichen und Möglichkeitsleichen hinwegschreitet: Mein Blick schafft und schafft dich ab. Ich bin die Hölle und das Eis & I still have most of it left.) Ich bin dir Problem, während du das Problem Anderer Leute bist. (PAL/SAP: is something we can't see, or don't see, or our brain doesn't let us see, because we think that it's somebody else's problem. The brain just edits it out, it's like a blind spot. The Somebody Else's Problem field relies on people's natural predisposition not to see anything they don't want to, weren't expecting, or can't explain. – D. Adams, The Hitchhiker's Guide to the Galaxy.) Er weiß es, aber Wissen ändert und bedeutet nichts.

Zurück unters Dach, diesem Dach z.B., mit zwei großen schadhaften Stellen. Die Spuren sagen: Hier wohnt eine einzelne Person, hier wohnt, sagen die Spuren, ein Mann. Wechselspiel zwischen Chaos und Ordnung: Der Raum, der bei jedem Besuch sauberer und ordentlicher wird, während die anderen Räume des Stockwerkes zunehmend vermüllen. An manchen der feinsäuberlichen Nischen bleibt sein Blick minutenlang hängen: ein Sessel, an dessen Rückenlehne eine fast alibertgroße Spiegelscherbe gestellt ist. Auf der Sitzfläche ein Einwegrasierer (keine Schaumrückstände, nur eine Handvoll Bartstoppel), eine Zahnbürste und eine fast leergedrückte Zahnpastatube, ein Schildhornkamm mit fehlenden Zähnen. An der Wand ein umfunktioniertes Bücherregal: gefaltete Shirts, Pullover, Hosen. Sockenknäuel und zwei Baseball-Mützen. Das Bett gemacht, die drei Bilder darüber an der Wand mit wiederverwerteten Nägeln fixiert. Auf einer Obstkiste neben dem Bett einige Kerzen und ein Taschenbuch. Unter dem Kopfpolster ragt der Hals einer ungeöffneten Weißweinflasche hervor. 

Obdach, womöglich, ist Obdach auch mit kaputtem und selbst ohne Dach. Tarnkappe aus verfallender Bausubstanz: Unsichtbar werden im geborgten Haus, Verschwinden für die gestundete Zeit. Denn, immerhin, die Regentropfen, die durch die Löcher im Dach fallen, Regentropfen haben keine Pupillen. – Und dann ist da noch dieser andere Andere, der letzte (und so ganz und gar unfranzösische) Andere, der nicht Blick ist (und Darüberhinwegblicken), sondern … Begrüßung … Einladung: Der Verlust des Ortes ist wie der Verlust eines Anderen, des letzten Anderen, des Phantoms, das einen empfängt, wenn man in seine einsame Wohnung zurückkehrt. (M. Augé, Tagebuch eines Obdachlosen.) Phantom, das darauf wartet, heimgesucht zu werden, wieder und wieder - solange es geht ...