Zurück im Kaninchenbau

Er wohnt nicht weit von dem Areal entfernt, aber das ist nicht der nahe liegende Grund, warum er immer wieder hierher zurückkehren muss. Er hat die Gebäude auf unterschiedliche Weisen betreten: ebenerdig durch ein eingeschlagenes Fenster, durch das Loch in den Keller oder über eine provisorische Euro-Paletten-Leiter durch ein Fenster im ersten Stock. Aber egal, welchen Einstieg er gewählt hat, es war immer ein Abstieg, immer ein … Hinein. (HINEIN: Innenraum-Fiction, denn es gibt nie einen anderen Weg als hinein. – D. Lessing, Anweisung für einen Abstieg zur Hölle.) Jeder Einstieg ist Abstieg, jedes Hinein Absturz. Aber sein bevorzugter Einstieg und Absturz in diesen Ort ist und bleibt der von A: der durch den Kaninchenbau. 

Neuerlich hergeführt haben ihn die Recherchen zum sog. historischen Hintergrund dieses Ortes. (Auch der Einstieg in die Recherche ist Abstieg: Suche nach Schattenwürfen in völliger Finsternis.) Er wiederholt mit jedem Schritt, den er abwärtsgeht, gedanklich einen Schritt vorwärts in der Recherche. Der Herzug einer Familie aus Westfahlen (jüdisch versippt, wird man später sagen, und den Besitz arisieren), Übernahme einer Kleinstbrauerei, stetiger Aufbau einer Dynastie. Gebäude werden gebaut, Hopfen gepflanzt, Tennis-, keine Golfplätze. In den grünen Teichen wächst das Eis für die Kälte. – Für die Kälte, denkt er, die ihr Leben bestimmt hat, auch jenseits der Keller, unter südlichen Sonnen. Sie. Ihr Name ist A, Spross am dynastischen Ende, Sister Morphine (Why does the doctor have no face? – K. Richards, M. Faithfull, M. Jagger), die schon jugendlich die Kälte des Junkies (FROSTBRAND: Der Süchtige will es nicht warm, er will es Kühl-Kühler-KALT. Die Kälte soll sein wie Das Opiat – NICHT DRAUSSEN sondern IM INNERN und sein Stoffwechsel nähert sich dem Absoluten NULLPUNKT. – W. S. Burroughs, The Naked Lunch) sucht. Sie spielt Rollen auf den sog. Brettern und tötet ohne Souffleuse ihre siebenjährige Tochter. Sie stirbt und wird (teilweise mumifiziert) Wochen nach ihrem Tod (TOD: Der Tod ist eigenste Möglichkeit des Daseins. Die eigenste Möglichkeit ist unbezügliche. – M. Heidegger, Sein und Zeit) in ihrer Wohnung gefunden. (Nicht weit vom Areal entfernt, in einer Straße, deren Etymologie Elend ist.) Ihret-, A’s-wegen ist er hier, ein Abstieg mit konkretem Ziel.

Er geht direkt in den Raum, dessen unwirklicher Weihrauchgeruch ihm schon beim ersten Mal aufgefallen ist. An den Wänden hängen, vereinzelt-verloren, Reisigzweige (aus Plastik), neben der Tür eines der wenigen Graffiti an diesem Ort, Sitzbank, Kredenz, in die von der Decke hängenden Fassung ist eine Birne geschraubt. Nichts hier kann den Weihrauch begründen. Es ist stockdunkel, am Ende eines der abgehenden Gänge dringt Wasser ein. Tropfen fallen von der Decke in eine sich weitende Lache. Nicht öfter als alle drei, vier Sekunden und ohne gleichmäßigen Rhythmus, aber manchmal fallen zwei Tropfen direkt hintereinander, und im verstärkten Widerhall der schieren Größe klingt es wie Hundegebell. (Cf. Every Grain Of Sand, Demoversion vom 23. September 1980.) Er hat diesen Raum gewählt, weil hier die Finsternis noch dichter ist, als irgendwo sonst im Kaninchenbau. Die Finsternis wird hier so materiell, dass man sich daran stoßen kann. (Wie an einer Tischecke oder einer Halluzination.) Es ist der Ort der Souffleuse. Ein schwarzer Kern, von dem aus sich die Stimme erheben und die anderen hallengroßen Räume, die Theaterbühnen erleuchten kann. Der Kaninchenbau ist ein Theater mit vielen Kammern (wie: Das Herz hat mehr Kammern als ein Bordell. – G. G. Márquez, Die Liebe in den Zeiten der Cholera), und unter den Dielen der Bühnen schlagen die verräterischen Herzen.

Im Raum mit der Holztreppe zur höher gelegenen Tür etwa hat A ihre allererste Theaterrolle gespielt. 1979, Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaft, Nobelpreis, 2004.


A ist ganz und gar 60er-Jahre-Pathos: Marianne Faithfull als Ophelia, die den Wahnsinn nicht verkörpert, sondern von ihm verkörpert wird. (Ophelia, Sister Meinhof, im Eisteich: What are you fighting for?) Sie trägt ein langes, weißes und über und über mit Spitzen besetztes Kleid (Braut-, Hochzeits-, Toten-.) Weißgepudertes Gesicht, kirschrote Lippen, strahlend blaue Augen. Der ganze Raum ist finster, ein einzelner (greller) Suchscheinwerfer folgt ihr. Ihren Text spricht sie nicht selbst, er ertönt aus den vier Kassettenplayern, die in den Raumecken angebracht sind. Text wie: Ich bin in einem Prozess der inneren Gärung. Gefühle muss man notfalls vergessen können. Widerhall, Hundegebell. Die anderen Figuren stehen auf den Stufen der Holztreppe. Sie tragen schwarze Anzüge, ihr Text ist eins, sie sprechen (antik) den Chor, flüstern den Text. Text wie: Die Natur scheut keineswegs vor der Leere zurück, sie trachtet sie vielmehr aufzufüllen. Das Maß der Entropie ist das Maß der Unordnung. Die Natur strebt demnach vom Chaos zur Ordnung. Die geringste Unordnung wäre der Wärmetod des Universums, wenn nämlich alle Atome die gleiche Temperatur besäßen. Publikum gibt es keines. (Zeugen kann und darf es nicht geben.) A geht den Raum entlang der Mitte ab: von der Tür zur Wand mit der höher gelegenen Tür, von der Wand mit der höher gelegenen Tür zur Tür. (Mein Hirn sagt nein, weil zuerst ich komme, noch vor meinen Kindern. Es gibt Augenblicke, da man alles rücksichtslos hinter sich lassen muss.) Als gäbe es da eine Linie (wie: Strich), die irgendwann, wenn A sie oft genug abgegangen ist, zur Fluchtlinie wird. Geht und kommt nicht von der Stelle. Beschleunigt ihren Schritt, ohne Geschwindigkeit zu erreichen. Da ist nur Text und wieder Text wie: In diesem Augenblick zieht sich eine Frau aus einem bestimmten sozialen System zurück, in unsrem Fall aus der Familie. Da ist nur Chor und der unerträgliche Wunsch: Einen offenen Brief an die Wirklichkeit schreiben. (Liebe Wirklichkeit, … scheiß drauf.) Endlich (die Batterien der Kassettenplayer werden schwächer, der Scheinwerfer flackert) geht A zur Treppe, sie holt tief Luft und flüstert – don’t say it in German – zum Chor: Wenn ich euch so zuhöre, möchte ich am liebsten alles anzünden! Ihr müsst verbrennen, was euch unfrei macht! Die Chormittglieder trippeln die Holztreppe hinauf und verschwinden durch die Tür. Ophelia (What are you dying for?) Faithfull tritt, den Kerosinkanister unter dem Arm, aus der Tür, geht die Treppe nach unten, übergießt A mit dem Kerosin, entzündet sie. Aus den Kassettenrekordern: desolation row, so lange bis die Batterien ausgehen.


Er geht zurück, den langen Gang entlang, vorbei an einem Theaterstück nach dem anderen, an kurzen Filmen. Dann, am Ende des Ganges (GANGES: Sofort wurden die drei, vier über den brennenden Scheiterhaufen fliegenden Schmetterlinge von den Flammen erfasst und fielen mit angekohlten, löchrigen Flügeln auf den brennenden Leichnam. – J. Winkler, Domra), am Ende des horizontalen Abstiegs, kann er die Stimme der Souffleuse nicht länger hören. Kein Tropfen Licht hallt bis hierher wider. Er betritt eine Halle und sucht im falschen Licht der Taschenlampe nach einem Anhaltspunkt. Die verfallenden Fässer, die sich reckenden Dauben: so stellt er sich den Brustkorb eines Wales vor. (VORSTELLUNG = HALLUZINATION: Ahab soll sich vor Ahab hüten. Nimm dich vor dir selbst in acht, alter Mann! – H. Melville, Moby Dick.) Er klettert in eines der Fässer (kann aufrecht darin stehen), er klopft mit dem Knöchel auf die morschen Dauben und sie antworten ihm Xylophon.

An einem Allerheiligenwochenende, liest er in einer Boulevardzeitung, mörsert A ungezählte Gewacalm-Schlaftabletten, vermischt sie mit Honig und verfüttert sie löffelweise an ihre Tochter. Das Sterben dauert fast den ganzen Tag. A notiert dieses Sterben akribisch in einem Heft. Jetzt nehme auch ich die Tabletten, schreibt sie zuletzt und überlebt.

Warum, fragt er sich, notiert man einen Tod (TOD: Der Tod ist eigenste Möglichkeit des Daseins. Die eigenste Möglichkeit ist unbezügliche. Die eigenste, unbezügliche Möglichkeit ist unüberholbar. – M. Heidegge, Sein und Zeit)? Warum ein Leben? Er hebt einen der durchfeuchteten, schimmligen Bierdeckel vom Boden auf und holt seinen Kugelschreiber aus der Jackentasche. Er notiert: Warum notiert man irgendetwas?