Austritt: make an hero, go aokigahara

Der Bekannte des Freundes einer Arbeitskollegin … So beginnen urbane Legenden. (URBAN LEGEND: Sagen sind Ausdruck der menschlichen Furcht vor dämonischen Wesen, vor dem Tod und den Toten. Gleiches gilt auch für die modernen Sagenerzählungen, nur lauert das Unvorhergesehene, Bedrohliche und Unbegreifliche hier in unserer eigenen Umwelt. – R. W. Brednich, Die Spinne in der Yucca-Palme.) Der Bekannte des Freundes einer Arbeitskollegin also hat sich an einem ihm bekannten Lost Place erschossen. Er erfährt es nebenbei und Wochen (Monate) nachdem er den Ort besucht hat. Ein seltsamer Ort: der Bau nie vollendet, an der Finanzierung gescheitert. Keine Türen eingehängt, keine Einrichtung, keine Kabel eingezogen und eine Betontreppe ohne Geländer. Die Räume unterscheiden sich kaum (allein durch die Größe) voneinander, nicht einmal die Toiletten sind eindeutig zu identifizieren. Hier also soll jemand sich erschossen haben. Er weiß nicht, ob er es glauben soll, aber eigentlich spielt es gar keine Rolle, denn jeder Lost Place hat diese Geschichten – sie sind ihm konstitutiv. Die narrative Aura eines Lost Places (er hat konzentrische Höllenkreise im Kopf: gesprochene Schallwellen) ist morbid. Hier hat jemand eine Leiche verschwinden lassen. Dort ist jemand vergewaltigt worden. In dieser Villa ist jemand verblutet. Und in diesem Haus haben sich die Besitzer über vier Generationen hinweg am Dachboden erhängt. Jeden Lost Place umspült dieses mündlich tradierte, urban-legendarische Murmeln, dessen Kern (lauert das Unvorhergesehene, Bedrohliche und Unbegreifliche hier in uns selbst) der Tod (TOD: Der Tod hat sein Gesicht verloren, und darin liegt das neue Entsetzen. Er hat kein Gesicht. – G. Gospodinov, Physik der Schwermut) oder der gesteigerte Tod (TOD: Die Sprache der Steppe ist der Gesang der toten Geister, des Todes in den Gewässern, der Todes in der Luft, des Todes im Wald. – P. Quignard, Die Sprache der Ebene), also der Selbstmord ist. – Dabei, denkt er, hat er gerade in den beiden Gebäuden, in denen tatsächlich Menschen eines sog. unnatürlichen Todes (TOD: Der Tod ist eigenste Möglichkeit des Daseins. - M. Heidegger, Sein und Zeit) gestorben sind, nichts gespürt: keine morbide Tachykardie, keine makabren Tänze. Allenfalls: Goodbye Michelle it's hard to die …

Vor Ort Tote, jeder Ort Tatort. Selbstmörder (Gibt es andere Tote? Totere?) schleichen um den Ab-Ort: Liegt es daran, dass er in einem Land lebt, das von (ach herrje, eine contradictio in adjecto:) christlicher Kultur geprägt ist? Mitten im purpurnen Schatten barocker-schnörkeliger Katholizismen? Hier ist der tradierte postume Ort des Selbstmörders seit jeher der Ab-Ort, die nicht-geweihte Erde, jenseits der Umfriedung und weit und breit kein Loch im Zaun … Paradigma Ausschluss: 562 verweigerte das Konzil von Braga allen Selbstmördern ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Stellung, Gründe und Methoden die kirchliche Bestattung. (A. Alvarez, Der grausame Gott) Paradigma Judas: Und er warf die Silberstücke in den Tempel und machte sich davon und ging hin und erhängte sich. (Mt. 27,5) Paradigma Verrat: Through many a dark hour I been thinkin' about this that Jesus Christ was betrayed by a kiss. (B. Dylan, With God on our Side.) Paradigma JENSEITS (der Menschen, des Viehs selbst, des Ortes): daß von diesem iskariotischen Aas ein solcher Gestank sei gangen, daß kein Mensch daselbst konnte gehen, viel weniger wohnen; ja das vernunftlose Vieh hab in selbiger Gegend sich geweigert, die Weide zu nehmen. (A. A Sancta Clara, Judas der Erzschelm.) – Inmitten des Ab-Orts west und verwest das iskariotische Aas: Es ist der Gestank, der jeden Lost Place bestimmt, der Duft, den einzuatmen, seine genialen Nüstern nicht aufhören können. Ein gekelterter Geruch, denkt er, da kein Wein am Ort der Toten ist, der koagulieren könnte. Allenfalls: Wine is fine but whiskey's quicker …

Postum: Selbstmörder = Ab-Ort. – Und davor? Vor allen Paradigmen? Vor dem Totsein? Im Leben (und Sterben)? Im sog. Übergang? Davor ist das Austreten: Neulich bei einem Tierkampf trat einer von den Germanen, als man die Vormittagsspiele vorbereitete, aus, um sich zu erleichtern; keinen anderen abgeschiedenen Ort gewährte man ihm ohne Wärter. Dort stieß er sich das Holz, das zum reinigen des Afters, mit einem Schwamm versehen, vorhanden ist, tief in die Kehle und tötete sich, indem er die Atemwege versperrte. Das hieß dem Tod Schmach antun! Weiter so: Was ist törichter, als wählerischer zu sterben? Man urteile über die Tat des entschlossenen Mannes, wie es einem jeden richtig scheint, solange nur das feststeht, vorzuziehen ist der schmutzigste Tod der saubersten Knechtschaft. (L. A. Seneca, Brief über den Selbstmord) – Ein Mensch tritt aus, und sein Austritt auf den Abort wird zum Abort: Selbstabtreibung im, wie man sagt, fortgeschrittenen Stadion. Der traurige, suizidale König des Ab-Orts: die Klomuschel sein Thron, die Klobürste sein Zepter, sein Abschiedsbrief auf Klopapier … Allenfalls hängt dann (davor: im Leben) an der Tür zur Männertoilette in einem Lokal eine Fotografie von F. Zappa: Everyone is an asshole until proven otherwise …

Aber, kann (und muss: der vollständigen Abtreibung halber) hier mit Th. Macho (Das Leben nehmen, 2017) gefragt werden: Macht es überhaupt einen Unterschied, ob wir auf Türme oder auf Klippen steigen, ob wir Brücken betreten oder Bahngleise, Wälder oder eine Stelle in unseren Häusern und Wohnungen, um uns das Leben zu nehmen? – Macho sagt: Ja! (AFFIRMATION: Darauf hatte sie nur gelacht und Ja gesagt. – Th. Bernhard, Ja.) Macho sagt: Gerade die ortsneutralen Suizidmethoden verleihen der Auswahl eines bestimmten Orts ihr besonderes biographisches, politisches oder ästhetisches Gewicht. – Auf Klippen und Türme, das hat R. Willemsen schon fast dreißig Jahre früher (Der Selbstmord, 1986) betont, steigt heute freilich kaum noch jemand. Im post-erhabenen Zeitalter kehrt der Selbstmörder an seinen paganen Ort zurück: In Annäherung an die moderne Kunst- und Lebenssensibilität finden die Selbstmorde nun oft an Schmutzstätten statt, nicht selten auf Toiletten. – Teufelskreis der Bilder: Uroboros-Logik (cf. Pedalternorotandomovens Centroculatus Articulosus): konzentrisches Reptilienkreiseln rund um den iskariotischen Ab-Ort und dessen Geschichtsmurmeln: suizidales Epizentrum ist die Arschrosette: Verengung bis zur Asphyxie: die Wiederkehr der Erhängten: noch im Revolverpathos von Beethovens Sterbezimmer (WEININGERSCHÄDEL: Vielleicht war es ihm, als befände er sich in einem schmalen Raum, dessen Wände immer enger zusammenrücken. Dabei wurde sein Kopf größer, wie ein Ballon, den man aufbläst, und zugleich dünner. Der Kopf schlägt an alle vier einander unerbittlich sich nähernden Mauern. Jede Berührung schmerzt und hallt wider. – J. Améry, Hand an sich legen.) Viel bleibt da nicht mehr, denkt er, allenfalls ein Waldweg, dantesk und japanisch: I'm lost in a forest all alone, I'm running towards nothing, again and again and again and again …


Nachschrift (Godwin’s law): In fast jedem der bekannten Selbstmordbücher findet sich eine Aufzählung bekannter Selbstmörder. Und in fast jedem dieser (nicht ohne … Stolz vorgetragenen) Stammbäume (STAMMBAUM: Löst sich die wilde Seele aus dem Bunde mit ihrem Leib so eigenmächtig los, verschickt sie Minos zu dem siebten Schlunde; sie fällt zum Wald; wir waren Menschen einst, sind nun Gebüsch. – D. Alighieri, Die Göttliche Komödie) fehlt der immer gleiche Ast (in Auswahl): G. Bachmayer, M. Bormann, O. L. L. Globocnik, P. J. Goebbels, R. W. R. Heß, H. L. Himmler, A. Hitler, R. Jung, H. W. Kranz, E. Lolling, H. Pfundtner, E. Straub, E. Wirths, A. Zehender. 

 Als hätte es diesen Trieb am Baum nie gegeben.

Als hätte der KZ-Überlebende Wiesław Kielar

den Ab-Ort schlechthin: Auschwitz

nicht zum anus mundi erklärt …