Geländer, Angst und Freiheit

Manche Dinge fallen ihm direkt auf, stechen ihm, wie man sagt, sofort in die Augen. Schrille und laute Dinge, Dinge, nach denen jeder sich umsieht, um sich blenden (BLENDUNG: Mama always told me not to look into the sights of the sun, oh, but Mama, that's where the fun is – B. Springsteen, Blinded By The Light) zu lassen. Spannender sind die Dinge, von denen er erst hinterher bemerkt, dass sie ihm aufgefallen sind. Auch sie Abweichungen – Deviantes, wie der Jargon sagt – aber nicht so evident, redet er sich ein, dass jeder sich danach umdrehen würde. Auch er dreht sich nicht augenblicklich um (weiß noch nicht, um seine Beobachtung), erst beim zweiten Mal, wenn die intuitive Beobachtung durch ein bewusstes (Wieder-) Erkennen bestätigt wird.

Beim ersten Lost Place, dem ersten überhaupt, den er mit Kamera betreten hat, geht er durch ein Treppenhaus Stock für Stock nach oben. Später, im sog. Rückblick, kann er sich nicht daran erinnern, dass er dem Fehlen der Geländer Beachtung geschenkt hätte. Er muss es getan haben im Gehen, wahrscheinlich, mit Gewissheit, denn seine Höhenangst macht sich bemerkbar nicht dann, wenn er in einen Abgrund, sondern wenn er nur nach unten blickt. Er wird, ohne es zu bemerken, näher an der Wand gegangen sein, womöglich hat er sie bisweilen sogar gestreift. Und ganz sicher hat er das Treppenhaus fotografiert, mehrmals, weil er nicht anders kann. (Treppenhäuser muss er fotografieren. Wie Toiletten und Sessel und Puppen.) Er hat die Fotografien (Beweise, denkt er, nicht nur Indizien), die ihn bestätigen. Beim nächsten Lost Place geht er wieder durch ein Treppenhaus (ein Stock weniger dieses Mal) und noch auf den ersten Stufen erkennt er (bewusst, visuell) das Fehlen der Geländer und weiß noch auf derselben Stufe, dass sie auch im vorigen Haus gefehlt haben. Das dritte Haus mit fehlenden Geländern, die dritte Beobachtung gibt ihm Gewissheit. (Erst die doppelte Bestätigung, denkt er, formt eine Gesetzmäßigkeit und fokussiert den Blick soweit, dass er fast blind für alles andere wird.)

Noch einmal später, aus einem noch weiter vorausliegenden Rückblick tauchen Fragen auf. (Nicht er stellt die Fragen, das ist ihm wichtig, die Fragen stellen sich ihm.) Wie sind ihm die fehlenden Geländer, die ihm, wie er glaubt, nicht aufgefallen sind, doch aufgefallen? Hat er, gleich zu Beginn, nach ihnen und ohne es zu bemerken ins Leere gegriffen? Wie hat er eine Abwesenheit wahrnehmen können? Wie etwas feststellen, was nicht festzustellen ist? (Als Position.) Wie perzipiert man Negation? Er denkt immer wieder darüber nach: Über seine Wahrnehmung, die sich dem entzieht, was er seine Wahrnehmung nennen würde. Und auch darüber (weil er glaubt, darauf leichter eine Antwort zu finden), warum in so vielen leer stehenden Häusern die Treppengeländern fehlen.

Eine seiner Antworten ist eine ökonomische, d.h. er denkt: Diebe. Er sieht (auf den Fotos wie in der Erinnerung) unzählige herausgerissene/fehlende Steckdosen. Sieht die Kabelschächte, gerillte Schläuche, die Musik enthalten und jetzt leer und wie tot in die Räume ragen. Sieht (und sieht nicht mehr) die Kupferkabel, die aus den Schächten gezogen worden sind. Im Nachdenken darüber anthropomorphisiert er: Es, das leere Gebäude, ist ein (und wie ein) Herz, das aufgehört hat zu schlagen, aber die Arterien sind noch vorhanden, d.h. irgendein Stromanbieter hat den Strom abgedreht, aber die Kabel verharren. Und so wie Organe transplantiert werden, von einem toten Menschen in einen lebenden, genauso werden Kabel transplantiert. Kabeldiebe und Geländerdiebe, Kupfer und Eisen. In Wirklichkeit retten die Diebe nur, was sonst verloren wäre, in Wirklichkeit transplantieren sie Leben. Und ein Verbrecher, erinnert er sich, ist nicht der, der Geländer und Kabel stiehlt, sondern der, der sie errichten und verlegen lässt. – Ein Bert Brecht hat das gesagt. (Cum grano salis.)

Eine andere seiner Antworten ist eine existenzialistische, d.h. er denkt: Sartre. Denkt ihn, weil auch er an Geländer gedacht und sie Geländer gegen die Angst genannt hat. Reifizierte Banalitäten, Alltagsgeländer, die den Ablauf eben dieses banalen Alltags ohne Angst erlauben sollen. Den Wecker führt Sartre an, der bereits von der Arbeitszeit getaktet wird, und in die du dich erwachend ergibst. Oder die Verbotsschilder, die deine Wege nicht nur einengen, sondern bestimmen. Die Bücher im Regal, die Zigaretten in der Schachtel. Beides ruiniert dich, Bücher und Zigaretten, beides tötet dich am Ende, und nach beidem wirst du immer wieder greifen (müssen). Und noch der Polizist, nach dem du dich, egal wie oft du ACAB an irgendeine Hauswand sprühst, umdrehst, weil er deinen Namen ruft. Doch dann tritt jemand auf, mit einem akkubetriebenen Winkelschleifer und kappt die Geländer, kappt alles, woran du dich klammerst und erschafft eine Ebene: endlose Ebene, in der es nur noch dich gibt und deine Angst. Und die gleißende Sonne, die über der Ebene brennt und alles in und auf dieser Ebene ausbrennt, heißt Freiheit. (FREIHEIT: Allein in der Angst tauche ich gegenüber dem einzigen und ersten Entwurf auf, der mein Sein konstituiert, alle Barrieren, alle Geländer zerbrechen, genichtet durch das Bewußtsein von meiner Freiheit. Die Angst ist das reflexive Erfassen der Freiheit durch sie selbst. In der Angst erfasse ich mich als total frei. Ich bin verurteilt, frei zu sein. Das bedeutet, daß man für meine Freiheit keine anderen Grenzen als sie selbst finden kann oder, daß wir nicht frei sind, nicht mehr frei zu sein. – J. P. Sartre, Das Sein und das Nichts) Freiheit, denkt er, verbrennt alles.


Und dann ein Stiegenhaus mit Glasgeländer, intakt, ohne einen Sprung: Die befreite Angst/die beängstigte Freiheit spiegelt sich in sich selbst. Und von jeder Stufe = Sprosse dieser Treppe = Leiter (snakes & ladders = Sprossenrhizom) nimmt eine Welt ihren Ausgang. M. C. Escher z.B.: Endlose Treppen im Kreis und Reptilien, die über alle Waag- und Lotrechten hinwegtapsen. Wentelteffje, wird ihm soufflieren, und er stößt auf den absurd-schönen Namen:

Pedalternorotandomovens Centroculatus Articulosus.

Oder Camus z.B.: Endlose Treppen, endloses Gehen. Sisyphos als Treppenläufer: verdammt sinnlos und sinnlos verdammt. Absurde Schönheit auch hier, und um es kurz zu machen: Wir müssen uns Camus als einen unglücklichen Menschen vorstellen. Oder Burckhardt z.B.: Gehen (trotz allem) als Erkenntnisprozess, Promenadologie/Strollologie. Nicht von Erfahrungen soll fortan die Rede sein, sondern von Ergangenem. Oder (nicht als Beispiel, sondern als Dogma) Mainländer: Scherben, abertausende Scherben, die jetzt schon, als Angst und Freiheit im Glas enthalten sind, und sich äußern werden müssen. Das Zerspringen ist die Bestimmung und Berufung des Glases. Das Zerspringen ist die Bestimmung und Berufung von allem.