Lumpengeschichte

Kleidung, die irgendwo auf irgendwelchen Leinen zum Trocknen hängt, macht ihn immer auf eine seltsam müde Art traurig. Es ist, denkt er, das Hängen selbst: Die Schlaffheit hängender Kleider, die an die Bilder hängender Körper denken lässt. Es ist die Abnutzung: abgestoßene Krägen, aufgerissene Hosenbünde, geflickte Stellen, ausgewaschene Farbe, die immer schon ausgewaschen war und nie wirkliche/tiefe Farbe gewesen sein kann. (Schutzkleidung, die zum Schutzlosen wird, allein im Ablegen.) Und Fadenscheinigkeit: offen, wie eine Wunde. (Nichts stellt seine Verbrauchtheit so ungeniert und exhibitionistisch zur Schau wie Kleidung. Und Menschen, manchmal. D.h.: Wann wird ein Kleidungsstück zum Lumpen, wann ein Mensch zum Lump?) Oder die Traurigkeit der seltenen Tropfen, die sich aus dem Gewebe lösen, fallen und niemals einen Boden erreichen können: Nie wieder, scheint es ihm, wenn er unter der Wäscheleine liegt, mit geschlossenen Augen und weit geöffnetem Mund, auf einen fallenden Tropfen wartend, nie wieder kann Kleidung von einem Körper gefüllt werden. (Und dann sind da noch die verwaisten Wäscheleinen, die zerrissenen und unmöglich dünn – hauchdünn wie die Traurigkeit selbst – zu Boden hängen. Und hängen.)

Oder Kleidung, die irgendwo zurückgelassen wird: a) auf einem Kleiderhaken in einem verlassenen Haus, b) zusammengeknuddelt auf einer Parkbank, c) versoffen in den Finsternissen eines Filmrisses, d) grundlos und staubig, verwegen und überrollt in einem Straßengraben. – Irgendwo und ohne ersichtlichen Grund, ein einzelnes Kleidungsstück: Es ist eindeutig/endgültig Verlorenes und unsäglich Einsames, es ist Indiz und Aufforderung/Nötigung, eine Geschichte zu rekonstruieren oder (im besten wie im schlimmsten Fall) zu erfinden. Narrativer Imperativ und immer in Opposition zum Tod. (TOD: Kleidung, die als Vergangenheits- und auch als Vergänglichkeitssymbol, schließlich als stellvertretende Totenkleidung ihren Platz in der spurensichernden Kunst einnimmt. Anders gesagt: Abgelegte, leere Kleidung kann stets, mithin auch unabhängig vom Vorhandensein anhaftender Spuren, Todesgedanken evozieren. – L. Hengst, Hüllen des verlorenen Selbst.) Der frühere Träger zurückgelassener Kleidung ist nicht nur abwesend/aufunddavongegangen, er ist immer schon gestorben, denkbar und vorstellbar nur noch als Toter. Das Gewebe ist das verletzlichste.

Eine Jacke, z.B., hängt in einem Abrissgebäude. Bauzäune mit Plakaten, auf denen sog. Wohlfühloasen bildlich antizipiert werden, umfrieden bereits das Areal, während Teile von Gebäuden noch, wie man sagt, illegal bewohnt werden. Er hört Stimmen am Vorplatz, ein Mann, eine Frau, ein kleines Kind. Sie kommen heim. (Oder: nur zurück?) Der Mann und die Frau sprechen in einer ihm unbekannten Sprache. Das Kind, das weint und nicht aufhört zu weinen, weint in einer sprachübergreifenden Verständlichkeit. Die Jacke hängt da, an einem Nagel. Zurückgeblieben nicht von den ursprünglichen Besitzers der Gebäude (eine Firma), sondern von jemanden, der sich den Raum nach dem Wegzug der Firma, wie man sagt, illegal angeeignet hat, der – so liest er die Spuren – lange (Monate?) hier gelebt hat und wieder weitergezogen ist. Warum? Er weiß es nicht. Keine Spuren sind je eindeutig genug, um ein Motiv aus ihnen zu rekonstruieren. Kein Indiz beantwortet das Warum. (WARUM: Ich und Wir und Du, doch alles blieb erlitten durch die ewige Frage: wozu? Das ist eine Kinderfrage. – G. Benn, Nur zwei Dinge.) Die Jacke fordert ihn auf, eine Geschichte zu rekonstruieren, allenthalben auch nur eine Episode, allenthalben auch zu erfinden. Aber er kommt der Aufforderung nicht nach, er kann keine Geschichten erzählen. Noch. (Niemals?)

Vor einem Kleidungsschrank stehend stellt er sich vor, all die zurückgelassene Kleidung mitzunehmen und zu sammeln. Er würde einen großen Saal mieten. (Barocker Stuck, stellt er sich vor, knarzender Parkettboden und natürlich schwere, bodenlange, bordeauxrote Vorhänge vor den zimmerhohen Fenstern.) Und in einer Zimmerecke würde er die Kleidungsstücke zu einem Berg aufwerfen. Schnell würde die Luft im Saal muffig, schnell würde sich Beklemmung in den Saal assoziieren. Sobald der Kleidungsberg groß genug wäre, um die Saaldecke zu berühren, würde er eine Venusstatue an den Fuß des Berges schieben: klassisch, marmorweiß, kallipygos. Verschämt, wie man sagt, würde die Schöne ihr Gesicht dem Lumpenbergberg zuwenden, groß. (GROSZ: 1933 geboren, lebe ich im Herzen dieses Jahrhunderts, in diesem gigantischen Jahrhundert. Gigantisch ist die Wissenschaft. Gigantisch ist die Industrie. Mit zehn Jahren befinde ich mich mitten im Weltkrieg, im letzten großen Krieg, schrecklich groß, groß wie das Entsetzen. Die Berge sind Berge von Toten, die Fabriken sind Todesfabriken, die Schornsteine rauchen Leichen. Mein Problem ist also groß. Was ist Kunst? Großes Problem. Was passiert in der Kunst? Verrückt. – M. Pistoletto – Zur documenta 1982) In diesem Saal, denkt er, während er mit der ausgestreckten Hand über die Kleider im Schrank fährt, wird er sehen, was Kunst kann. Sehen, starrend sehen, was Kunst können muss. (Anders gesagt: Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht sie, die Schöne der Geschichte, eine einzige Katastrophe, die unablässig Lumpen auf Lumpen häuft und sie ihr vor die Füße schleudert …)