Der stillere Ort, laut

Einmal auf der Spur, habe ich von fast jedem Stillen Ort, auf welchen ich in der weiten und der engeren Welt gestoßen bin, mit einer Einwegkamera, Photos gemacht (die mir jetzt nichtssagend vorkommen).

(P. Handke, Versuch über den stillen Ort)

Es war, als bestehe der kleine Raum aus nichts sonst als Düsternis, einer ebenso klaren wie stofflichen. Es war diese klare schimmernde Düsternis, die mich schon seit jeher im Innersten aufgerührt hatte; aufgerührt, etwas zu unternehmen. Licht, das umgab – von dem man sich in dem Stillen Ort umgeben fand – man? – ich, also doch schon damals ich dort? (P. Handke, Versuch über den stillen Ort) – Lichtort demnach, verdichtet/stofflich, abortiger Schimmer. Düsternis, die Einladung ist und sich der Bannung als/im sog. Lichtbild widersetzt. Düstere Stille der stilleren und darum noch verloreneren Orte. Wenngleich und freilich: Wer vom stillen Örtchen spricht, hat niemals Blähungen gehabt, niemals Durchfall (Dünn-Pfiff, der gellend jede Stille durchbricht), sich niemals mit voller Inbrunst und Überzeugung die sog. Seele aus dem sog. Leib gekotzt. In der Stille (des Ortes) wird der Mensch Körper, d.h. er wird laut, d.h. er eröffnet das Selbstgespräch. Im Scheißhaus hebt der Körperautismus zum letzten großen Monolog an: mainstream of consciousness: Also, lasst uns Tacheles reden, d.h. lasst uns also darauf und alles sonst scheißen… im Innersten aufgerührt, und ja, schon damals: ich.

Wenn der Versuch über den Stillen Ort ein Film wäre, so wäre die Sequenz jener Jahrzehnte rhythmisiert von Blicken durch noch und noch Zugtoilettenlöcher hinab auf noch und noch Schienenstränge, die einander überkreuzten. (P. Handke, Versuch über den stillen Ort) – Seltsam, denkt er, dass er (PH) sich nicht erinnert, was er (PH) viel, viel früher schon geschrieben und er früher schon einmal zitiert hat: das existenzielle Grauen, das Loch, an dem die Röhre ihren Ausgang nimmt, die sog. Grenzerfahrung mit dem sog. Nichts: Das erste, an was ich mich erinnere, ist der Schrei, den ich ausstieß, als man mich in einem Waschbecken badete und als plötzlich der Stöpsel herausgezogen wurde und das Wasser unter mir weggurgelte. (P. Handke, Der kurze Brief zum langen Abschied.) Blick durch den Abfluss, Blick in die Pforte der absoluten Leere. Vielleicht, denkt er, begegnen wir hier, über dem Abortloch zum allerersten Mal der Erkenntnis, sterblich zu sein. (Und überlebt zu haben, bis hierher.) Vielleicht, denkt er, setzt hier die nie wieder gutzumachende Spaltung ein, hier im Blick ins Abortloch, durch das wir gebannt dem getakteten Film von Schiene und Scheiße folgen, ohne uns abwenden zu können. Vielleicht …

Die Glutspuren auf den Wasserkästen und Blechklappen, ob vereinzelt oder geballt, ob nur kurz angedeutet oder ins Blickfeld deutlich eingebrannt, mit schwärzlichen Schmauchhöfen wollen nicht gelesen werden. (P. Handke, Versuch über den stillen Ort) – Hier freilich, denkt er, irrt er (PH): Auch Scheißen ist ein semiotisches Abenteuer, jeder Ab-Ort ein Tatort für die Spurensicherung. Alles ist zeichenhaft, und jeder Muschelinhalt brüllt: Lies mich! Er z.B. hat eine Zeitlang (Tage? Wochen?) ein sog. Scheißetagebuch geführt (das einzige Tagebuch in seinem Leben) und minutiös Konsistenz, Form etc. der körperproduzierten Porzellanapplikationen notiert (in einem karierten Schulheft mit blauem Umschlag.) Er kann nicht nachlesen, was er geschrieben hat (alles Notierte entsorgt er nach spätestens einem Jahr in kleinste Fitzelchen gerissen, d.h. verdaut im Loch des Papierkübels), aber später, in diesem endlosen Gang aus Schrift und Schatten, hatten er erfahren, dass es Kunst war, was er da getan hat.

In fast allen Toiletten entdeckte ich auf der Stelle ein System von Formen, und zwar von geometrischen. Jedes der Dinge da zeigte zugleich seine geometrische Gestalt, Kreis, Oval, Zylinder, Kegel, Ellipse, Pyramide, Pyramidenstumpf, Kegelstumpf, Rechteck, Tangente, Segment, Trapez. Der Stille Ort selber war ein geometrischer Ort und wollte als ein solcher erfaßt und weitergegeben werden. (P. Handke, Versuch über den stillen Ort) – Er denkt, in der Stille, gerne geometrisch, und er hat, auch im Lärm, drei geometrische Lieblingsfiguren. A) das Dreieck (bevorzugt gleichseitig). Sucht z.B. bildet ein gleichseitiges Dreieck aus, definiert von den drei nominalen Punkten: Obsession, Isolation, Autodestruktion. (Ferner Inkreis und Umkreis, Radien etc.) B) die Ellipse: zwei Brennpunkte, d.h. der aufgebrochene Körperautismus des Kreises. (Der Kreis ist Monade, die Ellipse ist Sehnsucht.) Ferner natürlich die rhetorische Figur: das Ausgesparte, Ausgeschlossene, die Ellipse der Klomuschel (z.B.) als das Schweigen. (Der Kreis ist Geschnatter, lärmendes Ringelspiel um ein Egozentrum, die verschwiegene Ellipse ist dialogisch gerichtet.) C) das Quadrat, die geometrische Figur der Erinnerung. In der Mitte seines Wohnzimmers steht (auf einem Barhocker) ein Overheadprojektor. Das, was er erinnert, druckt er auf quadratische Klarsichtfolien, schwarz-weiß/transparent. Er legt Erinnerungsfolie auf Erinnerungsfolie, und irgendwann, denk er, wird auf dem Projektor ein Würfel aus Erinnerungsschichten liegen und das an die Wand projizierte Quadrat wird Malewitsch heißen: 79,5 x 79,5 Zentimeter. 

War mein Aufsuchen der Stillen Orte Ausdruck, wenn nicht von Gesellschaftsflucht, so doch von Gesellschaftswiderwillen, von Geselligkeitsüberdruß? Und es stimmte auch, daß das Verriegeln der Toilettentür in eins ging mit einem großen Aufatmen: Endlich allein! Moment des Schließens und Absperrens der bewußten Tür, allein mit dem Ort und seiner Geometrie, weg von den andern. Draußen: Verstummen. Verstummtheit. Sprachloswerden. Sprachlosigkeit. Sprache verlieren. Sprachverlust.

(P. Handke, Versuch über den stillen Ort)

 

Das lässt er jetzt einfach mal so stehen. Nicht weil es wahrer wäre als das bisher Gesagte, sondern weil …

 

… Verstummen. Sprachloswerden …

 

…  schon damals: ich.

 

Sprachverlust