Indizienspuren, paradigmatisch

Der sog. Lektüre vor Ort vorgelagert ist eine Lektüre aus der Distanz, aus der sog. Vogelperspektive: Geierkreisen, Sargmacherblick (SARGMACHERBLICK: Das ist es, woran die Manipulatoren des Körpers ihre Freude haben. Sie messen den anderen, ohne es zu wissen, mit dem Blick des Sargmachers. – Th. W. Adorno u. M. Horkheimer, Dialektik der Aufklärung.) Seit Stunden sitzt er vor dem Rechner und betrachtet Satellitenbilder, sucht – v.a. an den Rändern von Dörfern und Städten – nach Indizien: abseitsstehende Gebäude, üppig-überwucherte Gärten, vermooste Dächer, fehlende Dachziegel, eingestürzte Gebäudeteile, Brachen, überwachsene Zu- und Abfahrten, veralgte oder geleerte Swimmingpools. Er schielt nach dem Ruinösen, vergleicht dabei gegenwärtige mit historischen Aufnahmen, subtrahiert im Schauen die Spuren des Zusammenbruchs. Die Koordinaten auffälliger („interessanter“) Objekte notiert er in einem Notizbuch, so wie Fernsehkommissare auffällige („verdächtige“) Aussagen in einem Notizbuch notieren.

Später macht er Sondierungsspaziergänge, klappert die notierten/koordinierten Orte ab und beginnt eine zweite Lektüre. Liest, interpretiert, zieht Schlüsse, wechselt den Standpunkt. (POV: Circumstantial evidence is a very tricky thing. It may seem to point very straight to one thing, but if you shift your own point of view a little, you may find it pointing in an equally uncompromising manner to something entirely different. – A. C. Doyle, The Boscombe Valley Mystery.) Er sucht, im Grunde, nach dem Absurden: Spuren, die auf eine Leere verweisen, Spuren des Leerstandes und der Dysfunktionalität. Spuren, die auf das Fehlen von Spuren hinweisen. Schon von weitem sieht er, dass die Hecke nicht gepflegt ist, über die Umzäunung hinauswächst, von wildem Wein durchflochten ist. Das Gras wird schon länger nicht mehr gemäht, dem Schlitz des Briefkastens entwächst ein Strauß alter Werbeprospekte. (Ausgeblichen, wellig. Die Firma, die wirbt, ist vor einigen Monaten bankrott gegangen. Die Koordinaten zweier Filialen sind bereits notiert. Für später einmal.) Er geht am Zaun entlang, sucht das Loch darin, den Eingang in den Kaninchenbau. Die Scheibe einer Dachgaube ist zersprungen, der Außenputz an der wetterseitigen Mauer bröckelt, ein feuchter, schimmliger Fleck kriecht von einem Kellerfenster aus über die Außenmauer. Dass aus dem Kamin kein Rauch aufsteigt, ist irrelevant. Im Sommer. (Und wenn er ehrlich wäre, müsste er sagen: Auch im Winter.)

Zwischen den Pflastersteinen der Garageneinfahrt wachsen kniehohe Gräser, keines davon geknickt. Rauchen polizeilich verboten, steht auf einem am hölzernen Garagentor fixierten Schild. (Rostschlieren mäandrieren von den Halterungsschrauben ausgehend über die Buchstaben.) Es ist das einzige Verbotsschild, das er sieht. Kein: BETRETEN VERBOTEN. Leider, denkt er, denn das Betreten-Verboten-Schild schafft Klarheit, es situiert ein Gebäude im Ausnahmezustand. Das Gebäude, das verboten, explizit verboten ist, erfüllt seine Funktion nicht mehr (oder noch nicht), es verfällt oder es wird eben erst aufgebaut. Das Betreten-Verboten-Schild, Herrensignifikant als Herrenindiz, steckt den außergewöhnlichen, missverständlichen Raum unmissverständlich ab. Das Verbot vereindeutigt das Verlorene. Ab hier: Ab-Ort … Weiter keine zerbrochenen Fensterscheiben. Die Rollos im Erdgeschoß sind heruntergelassen. Efeu klettert über eine Rollo, zaghaft (noch). Die Haupteingangstür ist verschlossen. Die Kellertür nur angelehnt, Hintereingang. (HINTEREINGANG: Das Arschloch des Teufels ist die Hintertür zum Paradies. – S. Sontag, Der Wohltäter.) Graffiti sind durch die beschlagenen Fensterscheiben im ersten Stock nicht zu erkennen. Auf dem inneren Fensterbrett eines Fensters stehen zwei eingetrocknete Kakteen. (lophophora williamsii, echinopsis peruviana.) Es ist still. Keine Hinweise darauf, dass das Haus von Obdachlosen bewohnt wird. Der Familienname am Eingangstor klingt wie eine Einladung. Er umrundet das Grundstück noch einmal. Im Anschluss an die Garage fehlen vier aufeinanderfolgende Latten im Zaun. Von den Balkonen des angrenzenden Mehrparteienhauses ist der Kellereingang nicht zu sehen. Das Vogelbad in der Mitte der Wiese ist aus Marmor. Und staubtrocken. Genug, denkt er, es ist an der Zeit, Schlüsse zu ziehen.


Wie Carlo Ginzberg. Er liest und findet drei Indizien. Er gibt ihnen Namen: Ivan Lermolieff (d.i. Giovanni Morelli), Sherlock Holmes, Sigmund Freud. Die Indizien(namen) setzen sich aus Indizien zusammen, die Lektüre subsummiert frühere Lektüren. Gelesen werden kann alles: Alle Seiten im sog. Buch der Welt sind längst (wieder) weiß. (WEISS: Eine Dichtung über den leeren Raum wäre auf ihre Weise das absolute Buch, da sie nichts über nichts zu sagen hätte. Das Buch über nichts ist das schlechthin autarke Buch; es hat nichts nötig als sich selbst. Es ist nackte Bedeutung. – Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt.) Leerstehendes Weltbuch, abondened pages. Blütenweiße Bedeutung, denn das Weiß, sagt man, indiziert alles: die Form des Ohres, den erstotterten Versprechen im fließenden Vortrag, die ungelenken Tapser am Ort des Verbrechens. Alles ist Indiz und jedes Indiz Aufforderung zur Interpretation. INDIZIENPARADIGMA, z.B., interpretiert Carlo Ginzberg, d.h. er extrapoliert aus den Indizien seiner Lektüre: die Entwicklung einer Methode der Interpretation, die sich auf Wertloses stützt, auf Nebensächlichkeiten, die jedoch für aufschlußreich gehalten werden. So lieferten Details, die gewöhnlich als unwichtig, gar trivial oder „niedrig“ galten, den Zugang zu den erhabensten Produkten des menschlichen Geistes. In allen drei Fällen erlauben es unendlich feine Spuren, eine tiefere, sonst nicht erreichbare Realität einzufangen. Spuren, genauer gesagt: Symptome (bei Freud), Indizien (bei Sherlock Holmes) und malerische Details (bei Morelli). (Spurensicherung, 1979.) Im Weiß ist alles Indiz, das Weiß erlaubt jede Lektüre.