Huis clos. Eine Reisewarnung

Vergesst’s die Warnblinkanlagen net!

Hans Söllner

In dem schönen, d.h. schön melancholischen Text Bahnhöfe (in: Big Mac. Geschichten) erwähnt Serhij Zhadan, wenn er es (wörtlich) richtig in Erinnerung hat, die Sauberkeit und Ordnung als das besondere Moment der österreichischen Bahnhöfe. Er hat nie verstanden, was Zhadan damit meint, bis er bayrische Bahnhöfe kennengelernt hat. Der erste, vor Jahren, Lindau, heute, eben jetzt: Freilassing. Er hat nicht nur den Ort, sondern auch die Zeit gewechselt, er ist im 19. Jh. gelandet. Architektur, vergilbt und braunstichig wie Fotografien, in der riesigen Halle ein Miniaturkiosk, breite Schwingtüren, die Anzeigetafeln glauben nicht einmal selbst an ihre Digitalität. Und noch etwas ist anders: Zwei Polizisten nützen den verlängerten Aufenthalt, steigen im letzten Waggon ein und gehen bis zum ersten. Einer von ihnen hat eine Maschinenpistole (? -gewehr? er kennt sich mit Waffen nicht aus), ihre Blicke streifen über die Passagiere: Die Gesichter, allesamt, sind hell genug, niemand muss sich ausweisen. Die Polizisten wirken gelangweilt und deplatziert: Ihre Fremdheit steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Endlich fährt der Zug an, verlässt den Bahnhof, rollte in einem langgezogenen U ins oberbayrische Hinterland. Und schon nach wenigen Stationen beginnt in seinem Kopf Hans Söllner zu singen: An jeden zweiten Stationsnamen, der ausgerufen wird, schließt ein Lied an, jeden Ort hat Söllner besungen und d.h. zwangsläufig beschimpft. In Piding ist es Edeltraud, ein Lied dem er zu lange zu wenig Gehör geschenkt hat (sie redn miteinander, koana mehr der lallt, sie schlafn miteinander, hiaz wird koane mehr knallt), in Bad Reichenhall, dem, wie er später liest, Geburtsort Söllners, eines seiner Lieblingslieder, Die Jenny hot an Job kriagt, das er oft tagelang im Kopf mit sich trägt (und genau in dem Moment, heit, da herin werd denunziert), und schließlich Berchtesgaden, der Endbahnhof, das Lied für Berchtesgaden (kristallklares Wosser und d’Leit san saudumm). Ja, denkt er, er ist im Herz der bayrischen Finsternis angekommen.

Wie immer erwischt er den falschen Ausgang. Er folgt dem Strom der Touristen und gelangt an eine vielbefahrene Straße, folgt ihnen weiter und nähert sich dem, was so viele hierherzieht: Eagles Nest, Historical Tours, hier geht’s los, Führersperrgebiet Obersalzberg, Kehlsteinhaus. Zieht die sog. Menschen an wie die sog. Scheiße die sog. Fliegen. Hitler sells … Er verlässt die ticketkaufende Menschentraube und verirrt sich noch mehr. Nach gut zwei Stunden ist er wieder auf dem Bahnsteig, an dem er ausgestiegen ist, nur die Nerven sind derweil irgendwo auf der Strecke geblieben. Erst jetzt sieht er den Hinterausgang, eine Metalltreppe, die sich den Berg hinaufwindet. Viele lange Minuten den Berg hinauf, Postkartenwetter, d.h. in der prallen Sonne. Schatten spenden nur die Baumgruppen, die um die in der Landschaft stehenden Kruzifixe und Bildstöcke gepflanzt sind. Marterl, wie man im bairischen Sprachraum und darum auch im Land der sauberen und ordentlichen Bahnhöfe sagt. Es sind viele Kreuze/Marterl, obwohl es kein Kalvarienberg ist. Aber, erinnert er sich, hier ist Innenministerland, darum müssen an jeder Wand Kreuze hängen und an jeder Kreuzung (no na) Kreuze/Marterl aufgestellt werden. Und er erinnert sich auch, dass er sich (als er ihn, den Innenminister, das erste Mal gesehen hat) gefragt hat, wie ein so großer Mensch so wenig Größe haben kann. Gewundert hat er sich nicht (als Bairisch-Sprechender), denn auch im Land der sauberen und ordentlichen Bahnhöfe hat dieses Amt wenig mit Größe zu tun.

Dann hat er sein Ziel unerwartet plötzlich erreicht: Stanggaß, ehem. Kurklinik, eine der bekanntesten Locations Deutschland, lost-place-Inbegriff, bei dem das klischeegeile Motivherz ins Stolpern gerät. Die Fotos im Netz sind zu schön, um wahr zu sein: großartige Graffiti, viel Vandalismus, viel natürlicher Verfall, endlose Gänge, riesige Räume, eine rotbeteppichte Stiege aus der Will-haben-Kategorie. Im Keller eine Pathologie … Ja, dann hat er sein Ziel unerwartet plötzlich erreicht und steht vor einem bairischsprachigen Innenminister-Disneyland: Festung Stanggaß. Die üblichen Bauzäune, aber an tief in die Scholle getriebenen Holzpfosten befestigt. (Er umrundet das ganze Areal, aber da ist kein Loch im Zaun, no glory hole, no milk today.) Auch kein Drübersteigen, Stacheldraht. Den kennt er, aber hier: zweireihig und darum eindeutig. Die Fenster (im Erdgeschoß) von innen zugenagelt, die Verbotstafeln warnen: Besitzstörungsklage. (Bzw. nur im eigenen Interesse: Einsturzgefahr! Warum, denkt er, geschieht die Entmündigung eigentlich immer im Interesse der Entmündigten? Und  warum, btw, ignoriert das Bairische die Substantivierung so knallhart?) Plakatierte Security, law & order auf Pubertierendenniveau. Und, naturgemäß, der Kampf um die Sichtbarkeit/Sichtbarmachung. Nicht die paar (funktionierenden? gefakten?) Überwachungskameras irritieren ihn, sondern die Rodung: Hohe Bäume entwachsen den vorweg studierten Satellitenbildern, Sträucher, Unterholz, Sichtschutz. Vor Ort kaum noch ein Baum, erschlägerte Sichtbarkeit, der gutnachbarliche Überwachungsstaat implementiert. Ein invertiertes Panopticon (PANOPTICON: vgl., oft genug zitiert, M. Foucault, Überwachen und Strafen) der Nachbarstaaten (recte: Nachbarschaften!): Das Turmauge ist ersetzt durch die insektoiden Facettenaugen aller, die … nichts sehen, die die Leere bewachen, den Verfall des Leerstehenden. Feuchter Innenministertraum: Festung Europa (recte: Stanggaß!): ein verlorener, toter Ort, über dessen Verlorenheit und Totheit (als Alpenfestung) die argwöhnische Argusaugen-Allgemeinheit wacht. Schöne Aussichten, denkt er, und Stanggaß ist keine Reise (mehr) wert. Bayern ist keine Reise (mehr) wert, der ganze beschissene bairische Sprachraum erzwingt die Ausreise…

Die Rückfahrt ist anstrengend, die onomastischen Perlen an der Bahnstrecke klingen nicht mehr. Er fährt zurück ins Land der sauberen und ordentlichen Bahnhöfe und empfindet keine Erleichterung dabei, vielleicht weil er dabei keine Sprachgrenze überwindet oder weil auch hier 19. Jh. ist und Innenministerland. Immer wenn er Söllners Mir san no so richtige Bayern hört, macht sein Hirn (ganz automatisch: vielleicht, weil es sich von den Silben her so schön ausgeht) Mir sa no so richtige Steirer daraus. (Freilich, noch ist er in Salzburg, aber Salzburg, ach Gottchen, ist ja eigentlich nur die Schattseite des Kehlsteins…) Vor dem Eingang zum Einkaufszentrum neben seinem Hotel steht eines dieser seltsamen Reittiere, die für zwei Euro zu schaukeln beginnen. Auf dem himmelblauen Pony (mit je einem aufgeklebten Regenbogen an den Flanken) sitzt ein kleiner, quietschvergnügter Junge, der ihn an einen frühvergreisten, herrenzynischen Harry Potter erinnert: Und das Leben ist doch ein Ponyhof! ruft der Bub voll Freude aus, als er an ihm vorbeigeht, und wenn ich erst groß bin, dann reite ich die richtig großen, die ganz richtig großen Pferde! – Mia san fia jedn Scheiß zum Hom, Beweis: die letzte Wohl …