Down the Rabbit-Hole

Suddenly a White Rabbit with pink eyes ran close by A. Nein, denkt er, da ist keine Plötzlichkeit. Nur die Trägheit eines Hochsommertages und leere Gebäude. Im hohen Gras eines Innenhofes eine Weiche, alleine, nicht in den Boden eingelassen: an keine Schiene angeschlossen, an keinen Bahnhof. Direkt davor liegt das weiße Kaninchen. Er weiß, dass es ein Hase ist (Feldhase mit grau-braunem Fell), aber als Skelett kann jeder Hase Kaninchen sein, und jedes Skelett ist weiß. Und das Skelett rafft sich auf und läuft davon: There was nothing so very remarkable in that. Er nimmt die Verfolgung auf. Sie laufen durch eine rote Wüste, durchschwimmen einen opalgrünen See, schlagen sich durch Wälder mit dichtem Unterholz. Vor einer Sonnenuhr hält das Kaninchen abrupt inne. Der Zeiger der Sonnenuhr ist in der Mitte geknickt, sein Schattenwurf ein auf dem First stehendes Dach. Ein invertiertes Zirkumflex, als wollte die Uhr die Zeit nicht hochsommerlich dehnen, sondern beschleunigen. Das Kaninchen, erstarrt, starrt auf die Uhr und erkennt, dass es sich beeilen muss. Und erst jetzt wird ihm bewusst wie folgerichtig all das ist – for it flashed across her mind that she had never before seen a rabbit with either a waistcoat-pocket, or a watch to take out of it. Das Kaninchen läuft los, schnell/rasend, and burning with curiosity, she ran across the field after it, um eine Ecke, um eine weitere Ecke, durch eine Halle aus Holz, ein Asphaltband entlang, zwischen riesigen, roten Fässern hindurch – and fortunately A. was just in time to see it pop down the rabbit-hole. Er schlüpft durch den Spalt zwischen zwei Bauzaunfeldern, rutscht den trichterförmigen Graben hinunter, findet das Gleichgewicht wieder und kriecht durch das Loch in den Kaninchenbau.

The rabbit-hole went straight on like a tunnel for some way. Es ist stockdunkel, in seinen Augen noch immer Hochsommersonne, gleißend, blendend, weißglühend. Blinzelnd versucht er sich die Finsternis verständlich zu machen, überlegt, die Taschenlampe aus dem Rucksack zu kramen, zögert aber. Noch nicht, flüstert er sich zu, denn sonst ist da niemand: nur er und seine Stimme. (LICHT: Wenn jemand spricht, wird es hell. – Sigmund Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.) Er geht weiter durch die finstere Stille, hebt die Füße dabei kaum, schlittert mit den Sohlen über den Boden. Der Gang geht abwärts, eindeutig abwärts, so suddenly that A. had not a moment to think about stopping herself before she found herself falling down a very deep well. Abwärts, denkt er, wie im Flug. Either the well was very deep, or she fell very slowly, for she had plenty of time as she went down to look about her and to wonder what was going to happen next. First, she tried to look down and make out what she was coming to, but it was too dark to see anything. Immer wieder erstarrt er im Fallen: um zu lauschen, um seine blinden Augen noch weiter aufzureißen, um seine Gänsehaut wachsen zu sehen. Kontinuierlich wird es kühler, könnte er sehen, entstiegen seinem Mund Wölkchen aus Hauch. Irgendwo muss Wasser eindringen, lauter und im Echo gesteigert von der Monstrosität des Ganges und Schachtes, durch den er geht und fällt. Ein Echo, das leuchten würde, hätte es etwas zu sagen. Einzelne Tropfen fallen auf seinen Körper. Einer davon, litergroß, zerplatzt direkt auf seinem Kopf, Bäche ergießen sich über sein Gesicht, die Wangen, über den Nacken in den Rücken. Kalter Schauer, ein blinder Moment des Erfrierens, in dem seine Nasenflügel (FLÜGEL: Ich habe die Wahrheit erst entdeckt, dadurch daß ich zuerst die Lüge als Lüge empfand – roch... Mein Genie ist in meinen Nüstern... – Friedrich Nietzsche, Ecce homo) zu schlagen beginnen und nichts erhaschen: olfaktorisches Vakuum, ein Nichtgeruch, so schwarz und leer wie sein Blick. Erst als er die Taschenlampe anknipst, kann er wieder riechen: Nur das Gesehene, denkt er, wird ihm bewusst, und nur das Bewusste kann er riechen. Er riecht wieder und riecht seinen Fall. Down, down, down.

Down, down, down. Raum um Raum, Gang um Gang. Dort eine weitere Treppe nach unten, dort eine weitere, angelehnte Leiter in die Tiefe. Er gräbt sich ein, denkt er, weiter, bis zum Erdmittelpunkt und immer weiter. Down, down, down. When suddenly, thump! thump!, the fall was over. A. was not a bit hurt, and she jumped up on to her feet in a moment: she looked up, but it was all dark overhead; before her was another long passage, and the White Rabbit was still in sight, hurrying down it. There was not a moment to be lost: away went A. like the wind. Läuft und geht waagrecht – noch tiefer, denn die tiefste Tiefe, die keinen Anfang kennt und kein Ende, verläuft nicht senkrecht: Die wirkliche Tiefe ergeht man waagrecht, orientierungslos und allein. The Rabbit was no longer to be seen: she found herself in a long, low hall. Längst hat er sich verlaufen. Geht nur noch, waagrecht in sein Verderben. (Er geht niemals aufrecht, sowenig er aufrecht schreibt: Er geht und schreibt waagrecht in den Abgrund.) Geht und sieht: Räume, Kammern, Gänge, Treppen, Durchschlupfe. Er sieht den Kaninchenbau und schließlich hört ihn sprechen.


Ein Rhizom ist als unterirdischer Strang grundsätzlich verschieden von großen und kleinen Wurzeln. Zwiebel- und Knollengewächse sind Rhizome. Auch der Bau der Tiere ist in all seinen Funktionen rhizomorph: als Wohnung, Vorratslager, Bewegungsraum, Versteck und Ausgangspunkt. Das Rhizom kann die unterschiedlichsten Formen annehmen, von der verästelten Ausbreitung in alle Richtungen an der Oberfläche bis zur Verdichtung in Zwiebeln und Knollen. Wenn Ratten übereinander hinweghuschen. Im Rhizom gibt es Gutes und Schlechtes. (G. Deleuze u. F. Guattari – Tausend Plateaus.)

Ein Rhizom verbindet unaufhörlich semiotische Kettenglieder, Machtorganisationen, Ereignisse aus Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlichen Kämpfen. Ein semiotisches Kettenglied gleicht einer Wurzelknolle, in der ganz unterschiedliche sprachliche, aber auch perzeptive, mimische, gestische und kognitive Akte zusammengeschlossen sind: es gibt weder eine Sprache an sich noch eine Universalität der Sprache, sondern einen Wettstreit von Dialekten, Mundarten, Jargons Und Fachsprachen.
(G. Deleuze u. F. Guattari – Tausend Plateaus.)


Bühnenwechsel – Suddenly she came upon a little three-legged table, all made of solid glass; there was nothing on it except a little bottle and round the neck of the bottle was a paper label, with the words ‘DRINK ME’ beautifully printed on it in large letters. A. ventured to taste it, and finding it very nice, (it had, in fact, a sort of mixed flavour of cherry-tart, custard, pine-apple, roast turkey, toffee, and hot buttered toast,) she very soon finished it off. Nun, trunken/betrunken, ist alles ganz einfach, der Weg nach draußen liegt ihm zu Füßen. Nie war etwas fragwürdig, nie hatte er vorgehabt, sich zu verirren. Nur eines fällt ihm am Rückweg auf: Im ganzen Keller gibt es keine Toilette. Und das ist gut so, denkt er, denn der ganze Keller (wie jeder Keller: ob verlassen oder familial besiedelt) ist Ab-Ort, ist schizo-pädophiler Freizeitpark für den Fotografen. (FOTOGRAF: Bei Lewis Carroll beginnt alles mit einem schrecklichen Kampf. Es ist ein Kampf mit den Tiefen: Die Körper mischen sich, alles mischt sich in einer Art Kannibalismus, das Essen und Exkremente vereint. Selbst die Wörter werden gegessen. Alles ist schrecklich in der Tiefe, alles ist Unsinn. „Alice im Wunderland“ sollte zunächst „Alices Abenteuer unter der Erde“ heißen. – G. Deleuze, Kritik und Klinik.) Im Schritt zurück ins Sommersonnenlicht denkt er: Jeder Keller in jedem Haus ist rhizomorpher Ab-Ort. Jede Fotografie ist eine Perversion.