Einstiegsversuch

Er verlässt seine Wohnung. Er geht. Der Weg ist nicht weit, kaum vierhundert Meter, gerade einmal drei Richtungsänderungen. Lieber wäre es ihm, wenn der Weg länger wäre, der Ort weiter entfernt, außerhalb gelegen. Der perfekte lost place, denkt er, liegt nicht um die Ecke, sondern um die Ecke der Ecke. (Die Paranoia setzt augenblicklich ein: Er weiß sich von allen beobachtet. Und er weiß, dass jeder, der ihn sieht, weiß, was er vorhat. Als wäre es ein Verbrechen.) Außerhalb gelegen, denkt er, aber der Ort ist inmitten aller Örtlichkeiten, das bereits Verlorene inmitten dessen, was einmal verloren gegangen sein wird. Ein Stück Peripherie im Zentrum des Zentrums, turmhoher Leerstand zwischen Neubauten mit übertünchten Sollbruchstellen. (Geplante Obsoleszenz, denkt er: wie ein Versprechen.) Geht weiter, drei Ampeln: dreimal Warten (auf Grün: dreimal Zeitgewinn, denkt er. Und es sind vier Richtungsänderungen, er hat sich geirrt.) Weiter, am ersten Loch im Zaun vorbei, entlang eines Parks, durch den Park, über eine Hundewiese, bis zu einer Parkbank. Er sieht die Bank, er sieht, dahinter, im Gestrüpp, das zweite Loch im Zaun, er sieht den Eingang und sieht sich noch einmal um. Denn auch er wird gesehen. Er weiß es, weiß, dass er gesehen wird, auch wenn er den, der sieht, nicht sehen kann.

Er schlüpfte durch das Loch im Maschendrahtzaun. Sein Rucksack, es muss sein, bleibt hängen. Schepperndes Schwingen des Zaunfeldes, ein Geräusch wie: Verrat. Einen kleinen Trampelpfad entlang. Lehm, der so hart ist und trocken, dass keine Fußabdrücke darin zu erkennen sind. (Keine Spuren, keine Rückschlüsse. Nur ihre Summe: eine Spur, die Weg geworden ist.) Im vorderen Teil des Gebäudes hat es gebrannt. (Zwei Kinder, Hans & Hans, Volksschulalter, Zündhölzer und der übliche Plot: prometheisches Begehren.) Ziegel sind zu Boden gefallen, die Balken des Dachstuhls sichtbar/freigelegt: schwarzverkohltes Holz, graumelierte Brüchigkeit. Vereinzelte Dachziegel liegen (schweben: schweben dort wie Gefahr und wie auf Abruf) darauf. Der erste Raum, den er sieht – sofort, noch ehe er das Gebäude betritt, weil er, als Raum, vorgelagert ist wie eine Besonderheit, und weil die Tür verbrannt ist –, ist der Abort: verrußte Fliesen, Eingestürztes/Eingebrochenes, eine einzelne Toilette, die Klobrille hochgeklappt (wie zum Gespräch), die Porzellanmuschel zerdeppert. Der Türrahmen ist verkohlt: ein Trauerrand um sein Eintreten.


Jacques Lacan (LACAN: Da stehe ich also auf dem Bahnsteig. Der Augenblick der Abfahrt rückt näher. Vom Vater noch immer keine Spur. – S. Lacan, Ein Vater), ein Vater also lässt einen Zug einfahren. Er legt, um den Zug einfahren lassen zu können, Schienen in die Landschaft. (Die Schienen haben als Abfahrtsbahnhof ihre Etymologie: Das Substantiv gehört mit verwandten Wörtern zur indogermanischen Wurzel *skēi-, „schneiden, spalten, trennen“, vgl. z.B. lat. scindere „spalten“ und griech. schízein „spalten, trennen“.) Schienen, die keinen weiteren Zügen als Gleis dienen werden. Strich als Durchstrich: Sperre und Balken, barre. (BALKEN: So sehen wir, wenn wir unser Wort: arbre wieder aufgreifen, daß das Wort barre sein Anagramm ist. – J. Lacan, Das Drängen der Buchstaben) D.h. er errichtet am Zielbahnhof und also dort, wo Ferdinand de Saussure einmal ein Bäumchen pflanzen wird, eine Toilette und setzt, in den ersten und letzten einfahrenden Zug, zwei Kinder: Bub & Mädchen, Hans & Grete, die die Latrinen-Pointe sprechen müssen: Nun sehen sie eine Kette von Gebäuden vorbeigleiten an einem Bahnsteig, an dem der Zug hält: „Schau, wir sind in Frauen!“, sagt der Bruder. „Dummkopf“, erwidert darauf seine Schwester, „siehst du denn nicht, daß wir in Männer sind!“ (J. Lacan, Das Drängen der Buchstaben) Die Pointe ist miserabel, außerdem, es steht – in Lettern! – geschrieben, sind sie in Damen. Und überhaupt ist das nicht von Bedeutung, denn nichts, beinahe, bedeutet, wenn alles bedeuten muss. (BEDEUTUNG: Es gibt keine Bedeutung, die nicht notwendig auf eine andere Bedeutung verwiese. – J. Lacan, Das Drängen der Buchstaben) Nur die Schienen und nur die von ihnen vom Rest der Welt getrennten (und darum den gesamten Rest der Welt einschließenden) Latrinen, die im Verweis bedeuten: Abort. (ABORT: Der Überraschungseffekt, der aus dem plötzlichen unerwarteten Niederschlag des Sinns entsteht: im Bild nämlich von zwei identischen Türen, welche mit dem einem abendländischen Menschen für die Befriedigung seiner natürlichen Bedürfnisse außer Haus zur Verfügung stehenden geheimen Örtchen den Imperativ symbolisieren, den dieser Mensch mit der großen Mehrheit der primitiven Gesellschaft zu teilen scheint und der sein öffentliches Leben den Gesetzen der urinalen Segregation unterwirft. – J. Lacan, Das Drängen der Buchstaben) Er denkt: Überraschungseffekt – geheimes Örtchen – Segregation. Und kann nicht anders als einen weiteren Balken (als Schiene und Baumstamm) einzuführen: Ab-Ort. (AB-ORT: Der Ab-ort, im Sinne jenes Anderswo, scheint nun nichts anderes zu sein als die Sperre selbst, sofern diese die Differenz bezeichnet, die den Signifikanten artikuliert. Dieser Ab-ort, dieser andere Ort als irreduzibles Anderswo dient dem Subjekt als Alibi (al-ibi), da es nur sein kann, sofern es sich hinbewegt. – S. Weber, Rückkehr zu Freud.) Er denkt: Eben, ganz meine Rede, eben ganz mein Latrinengewäsch.

Er schießt einige Fotos von der Toilette, aber er geht nicht weiter in das Gebäude. (Etwas hält ihn zurück, heute: Als wäre nur der gescheiterte Versuch wirklicher Versuch.) Er macht kehrt, schlüpft durch das Loch zurück in den allgemeinen (noch nicht verlorenen) Raum. Über die Hundewiese. Die Menschen, die ihre (gezähmten, d.h. zahnlosen, unräudigen) Hunde Gassi führen, sehen ihn nun, da er verlässt und zurückkehrt, wirklich, aber es kümmert ihn nicht länger: Er muss sich nicht mehr gesehen wissen, er kann zurückfallen in die ganz alltägliche Interaktionsparanoia. Er geht jetzt, als wäre Gehen etwas Selbstverständliches. Einer der Gassi-Geher kramt ein rotes Plastiksäckchen aus seiner Hosentasche, stülpt es sich über die Hand, klaubt den frischen Haufen seines Hundes auf, verknotet das Säckchen, wirft es in einen Mistkübel und geht weiter. Weiter, als wäre auch das etwas Selbstverständliches: nach Scheiße zu greifen. Dabei, denkt er, greift der, der nach Scheiße greift, zwangsläufig daneben. Denn auch Scheiße hat ihren Ursprung, d.h. ihre Etymologie: Das altgerm. starke Verb mhd. schíᶎen, ahd. scīᶎan bedeutet „ausscheiden“. Es gehört zu der unter ↑Schiene dargestellten idg. Wurzel *skēi- „spalten, trennen, absondern“. Die gleiche Begriffsbildung lat. ex-crementum „Kot“, eigentlich „Ausscheidung“.